Südafrika – 30 Jahre Zukunft

Man schrieb den 11. Februar des Jahres 1990. Im damaligen „Victor Verster Prison“ unweit der südafrikanischen Weinbauzentren Paarl und Franschhoek, heute als „Drakenstein Correctional Center“ bekannt, öffneten sich die Tore für Nelson Mandela, den berühmtesten Gefangenen des Landes. Der war, nach 20 Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt und weiteren sechs Jahren im Kapstädter „Pollsmore Prison“, im Dezember 1988 in diese Haftanstalt mit niedriger Sicherheitsstufe verlegt worden – wohl bereits in Erwartung seiner Freilassung knapp eineinviertel Jahre später. Mehr als 30 Jahre ist dieses Ereignis, das seinerzeit weltweit für Schlagzeilen sorgte, inzwischen her. Es war der Beginn einer ganz eigenen „Neuzeit“ für das Land am Kap der Guten Hoffnung, und es sollte nicht nur die südafrikanische Gesellschaft, sondern auch den Weinbau des Landes einschneidend verändern. enos hatte während der jüngsten „CapeWine“-Messe Gelegenheit, mit einer Reihe Protagonisten des Weinbaus dieser 30 Jahre zu sprechen – mit Weingutsbesitzern, Weinmachern, Weinverkäufern und Marketingexperten. Was dabei herauskam, war nicht ein einziges Bild dieser 30 Jahre; es waren gleich drei, vier, vielleicht sogar ein halbes Dutzend Bilder, Perspektiven, Erinnerungen, die sich oft nur in Nuancen unterschieden, sich gelegentlich aber auch diametral gegenüberstanden.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die Apartheid in Südafrika mit der Freilassung Nelson Mandelas faktisch beendet wurde. Der Anfang vom Ende lag dabei in Wahrheit schon ein Dutzend Jahre früher, als die Unruhen in den schwarzen Townships – hier das Frauenkomitee von Crossroads bei Kapstadt im Jahr 1978 – für das Regime langsam nicht mehr zu bewältigen waren. (Fotos: E. Supp)

Südafrika ist ein Land der Extreme. Der sozialen Extreme vor allem. Da cruisen goldrolexbewaffnete Bentleyfahrer vorbei an wellblechbewehrten Slum-Townships, die unter dem nicht enden wollenden Zustrom hunderttausender Flüchtlinge aus den Nachbarländern aus allen Nähten zu platzen drohen. Da mühen sich die einen mit einem Mindestlohn von 300 Rand (16 Euro) durchs Leben, während die anderen in den „Sterne“restaurants von Kapstadt oder Johannesburg teuren Champagner „kippen“, als sei es Leitungswasser. Und da zahlen Touristen für eine Mahlzeit in pompösen Weingütern oder eine Übernachtung im Luxushotel so viel, wie hart arbeitende Farmarbeiter im ganzen Monat nicht verdienen. Alles wie früher also? Alles wie zu Zeiten der Apartheid, jenes Regimes der so genannten „Rassen“trennung, die ja in Wahrheit nichts anderes als eine dümmliche soziale Aufspaltung der Gesellschaft entlang von Kriterien der Hautfarbe und der Abstammung war?

Nein, so einfach ist die Sache denn doch nicht. Wer Südafrika vor vier oder fünf Jahrzehnten kennengelernt hat, wird rasch die kleinen und großen Unterschiede wahrnehmen. Klar, einige der Townships sehen noch heute so aus wie in den Jahrzehnten vor der Befreiung Mandelas, aber im Bentley sitzt heute nicht nur gelegentlich das eine oder andere schwarze Pärchen, am Eingang der Champagnerbars wie im öffentlichen Nahverkehr wird man vergeblich die einst so inflationär verstreuten Schilder „white persons only“ oder „slegs nie-blankes“, „nur für Nicht-Weiße“ suchen. Der Wandel ist unübersehbar, auch was das politische Leben betrifft. Es gibt ein Wahlrecht für alle, nicht nur für die Weißen, und das Risiko, als Oppositioneller – ganz egal, ob weiß oder schwarz – nachts von schießwütigen Polizeikräften oder Militärs aus dem Bett geholt zu werden, ist überschaubar gering.

Seit dem Ende der Apartheid ist Südafrika zu einem wahren Touristenmagneten geworden. Auch das Weinland von Stellenbosch zieht nach der Pandemie wieder Weinfreunde aus aller Welt an.

Auch die damals noch ausschließlich „weiße“ Weinwelt war von der Apartheid nicht verschont geblieben, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Wenn der sechzigjährige Anthony Hamilton-Russell, Winzer im Hemel-en-Aarde-Tal bei Hermanus, aus jener Zeit erzählt, steigt sein Puls noch heute. „Für uns weiße wie schwarze jugendliche Oppositionelle waren die frühen und mittleren 1980er Jahre ein Albtraum. Gewalt und staatliche Unterdrückung waren auf dem Vormarsch, wir Studenten hatten fast ständig Sondereinheiten der Polizei auf dem Campus, und es war unübersehbar, dass das Land ins Nichts steuerte. Das Modell Apartheid konnte einfach nicht funktionieren.“

Bruce Jack, Weinmacher und einer der bedeutendsten Markenentwickler im jüngeren südafrikanischen Weinbau, sekundiert ihm: „Meine Mutter war Musikerin und lehrte an der Western Cape University, einer ‚nicht-weißen‘ Universität. Sie erlebte es regelmäßig, dass die Polizei in ihren Unterricht platzte und ihre Studenten festnahm. Auch sie selbst wurde festgenommen, als sie vor einem Kapstädter Club demonstrierte, der keine jüdischen Mitglieder akzeptierte.“ Hamilton-Russells ganz persönliche Konsequenz? Dank seiner irischen Vorfahren hatte er Recht auf einen irischen Pass, gab seinen südafrikanischen zurück und verließ das Land.

International stieß die Politik des Regimes spätestens mit der Ermordung des schwarzen Studentenführers Steve Biko Ende 1977 in einem Gefängnis von Port Elizabeth auf wachsenden Widerstand. Zahlreiche Verurteilungen des Regimes durch die Vereinten Nationen und der internationale Boykott südafrikanischer Waren waren die offensichtlichsten Folgen und trugen mit zum Niedergang der Apartheid bei, auch wenn der eine oder andere unserer Interview-Partner sich leicht „verfolgungstheoretisch“ angehaucht zu erinnern glaubt, dass letztlich der Fall der Mauer in Deutschland und die Beendigung des Kalten Kriegs im Jahr vor der Befreiung Mandelas ausschlaggebend gewesen seien. Beides habe dazu geführt, dass die USA nicht mehr an südafrikanischem (Bomben)Uran interessiert gewesen seien und deshalb das Regime fallen ließen – eine Theorie, mit der sich allerdings nur schwer erklären lässt, warum Mandela noch 1988 von Ronald Reagan als „Terrorist“ auf eine „watch list“ gesetzt und erst 2006 unter George Bush wieder von ihr gestrichen wurde.

Der Weinbau des Landes war natürlich ebenfalls vom Boykott betroffen – selbst wenn etwa Johan Krige, seit 30 Jahren für die Vermarktung der Weine des berühmten Kanonkop-Weinguts in Stellenbosch verantwortlich, dessen Tragweite relativiert. „Ich habe auch vor Kanonkop schon in der Weinindustrie gearbeitet. Und dabei auch exportiert. Klar, in den Regalen der Supermärkte außerhalb Südafrikas konnte man unsere Weine damals nicht finden. Die hätten sonst größere Probleme bekommen. Aber es gab immer etwa in Europa Menschen mit Verbindungen nach Südafrika, die sie tranken. Kleine Mengen, exklusivere Weine, unter dem Tisch verkauft, sozusagen“, erinnert er sich. Und Anthony Hamilton-Russell weiß, dass es sogar Mengenexporte gab. „Die KWV verkaufte auch damals viel Wein nach Osteuropa. Der dann nicht selten etwa als ‚bulgarischer‘ auch bei westeuropäischen Verbrauchern landete.“

Jener KWV, der „Ko-operatiewe Wijnbouwers Vereniging van Zuid-Afrika“ kam im Weinbau unter der Apartheid eine nicht wirklich positive Schlüsselrolle zu, da sind sich alle Protagonisten der Zeit weitestgehend einig. „Im Grunde war die KWV keine wirkliche Genossenschaft, wie es der Name suggerieren könnte, sondern eine riesige, per Gesetz installierte Kontrollbehörde, die alles, was nicht in ihr politisches Verständnis passte, verbot. Ich selbst“, erzählt Bruce Jack, „hätte unter der KWV nie die Chance bekommen, im Weinbau anzufangen. Der Job der KWV bestand vor allem darin, strikte Erntemengenbegrenzungen durchzusetzen. Um das zu erreichen, bestimmte sie zum Beispiel, welche Rebsorten wo und in welcher Menge ausgepflanzt werden durften und welche nicht. Auch ein Eben Sadie – heute ein Superstar im Swartland-Weinbau – hätte unter ihrem Regime nichts von dem machen dürfen, was er heute macht. Sie teilte die Ressourcen nach Gutdünken zu, so auch das Wasser, und von der Möglichkeit des Aufbaus neuer Weinmarken konnte natürlich überhaupt nicht die Rede sein. Wer in Paarl Wein machte, hatte deshalb auch kein Recht, seine Weine aus Weingärten in Stellenbosch unter dieser Bezeichnung zu vermarkten. Alles verboten!“

Nicht selten hatte die Apartheid absurde Züge, so etwa, wenn Schwarze an den menschenleeren Stränden der False Bay bei Kapstadt nicht zugelassen waren, ebensowenig wie Weiße in den „schwarzen“-Bussen von Johannesburg.

In einem Land, in dem die Traubenerzeugung traditionell meist vom Weinmachen getrennt organisiert war, gingen diese Vorschriften vor allem zu Lasten der Weinproduzenten, während sie die Farmer schützten und ihnen hohe Traubenpreise garantierten. „Nein“, präzisiert Anthony Hamilton-Russell, „die Gewalt, die im letzten Jahrzehnt der Apartheid in der Gesellschaft herrschte, war im Weinbau nicht direkt zu spüren, aber wir Weinproduzenten litten natürlich unter dem streng regulierenden Regime der KWV.“ „Wobei Letztere“, präzisiert Johan Krige, „ja auch nur das in die Tat umsetzte, was Gesetzeslage war.“

Giorgio Dalla Cia, der Veteran unter den südafrikanischen Weinmachern und lange Jahre für die Weine von Meerlust, einem der ältesten Renommierweingüter des Landes verantwortlich, erinnert sich denn auch, dass es mit der Befreiung Mandelas sehr schnell zu einem regelrechten „Krieg“ der Weinmacher gegen die KWV kam, weil mit dem Ende Boykotts und der steigenden Nachfrage nach südafrikanischen Weinen die Mengenbegrenzungen obsolet erschienen.

Der „Krieg“ wurde gewonnen, und das war nicht die einzige positive Folge jenes 11. Februar 1990. Positive Auswirkungen hatte dieser in einem ganz persönlichen Sinne für Anthony Hamilton-Russell, der seinen südafrikanischen Pass neu beantragte, nach Hermanus zurückkehrte und 1991 die Leitung des väterlichen Weinguts übernahm. Für Gary Jordan, der in Kapstadt Geologie studiert hatte, seine Leidenschaft für Wein aber in London entdeckte und in der Folge zusammen mit seiner Frau Cathy an der University of California Davis Önologie studierte, war die Befreiung Mandelas ein ebenso einschneidendes Ereignis. „Auf dem Weg nach San Francisco hörten wir im Radio davon und beschlossen, dass dies der Moment sei, nach Südafrika zurückzukehren und den kleinen Weinbau meiner Eltern in den Hügeln zwischen Stellenbosch und Kapstadt zu übernehmen“, ein Unternehmen, das die beiden bis heute zu einem großen Weinbau-, Restaurant- und Hotelkomplex ausbauen konnten.

Für andere – wahrscheinlich sogar für die Mehrheit – ging die Reise in die entgegengesetzte Richtung. Wie etwa für Bruce Jack, der die Öffnung des Landes dazu nutzte, an der berühmten Roseworthy-Weinbauschule im südaustralischen Adelaide zu studieren. Unzählige Winzer und Weinmacher vom Kap begannen die Weinwelt außerhalb ihres Landes zu erkunden. Sie lernten die Weine Frankreichs, Italiens und Kaliforniens kennen, brachten Geschmackseindrücke und Wissen um Weinbergsarbeit oder das Weinmachen mit und führten das Land so auf jenen Weg, der in großartigen Weinen und in internationaler Anerkennung kulminierte. Motor dieser Entwicklung, erläutert Hamilton-Russell, war aber nicht nur, dass Weinmacher jetzt reisen konnten, sondern vor allem, dass sie plötzlich nicht mehr nur für ihren „eingehegten“ Binnenmarkt produzierten. In Konkurrenz zu anderen Weinbaunationen standen. „Wir waren plötzlich“, so Johan Krige, „dem internationalen Markt ausgesetzt, und das war entscheidend.“ Bruce Jack präzisiert: „Wir fanden uns plötzlich in einer Situation wieder, die sehr schmerzhaft war. Wir hatten keine Erfahrung, und das Beste, was wir in der Euphorie dieser Jahre zunächst zustande brachten, war, die Franzosen zu kopieren.“

An der Tatsache, dass das Ende der Apartheid die moderne Entwicklung des südafrikanischen Weins startete oder zumindest begünstigte, bestand für die meisten der Gesprächspartner, die uns während der „CapeWine“ Rede und Antwort standen, kein Zweifel. Allenfalls ansatzweise, so erklärt Hamilton-Russell, wurden auch vor 1990 schon Gesetzesvorschriften geändert, wie etwa das Verbot, Reben in „neuen“, jungfräulichen Regionen zu setzen, das bereits 1985 fiel. Nur die zunehmende Ausweglosigkeit des Gewaltregimes und die Erkenntnis der Weinmacher, dass Qualität und Erfolg von „marktgerechtem“ Verhalten abhingen, hatten sich für ihn „unabhängig von- aber parallel zueinander“ bereits vor 1990 entwickelt.

In den Städten und am Strand zeigt sich Südafrika wie hier in Kapstadt nicht anders als jede beliebige moderne Gesellschaft der Welt. Schaut man genauer hin, wird schnell sichtbar, dass Rassismus und Paterinalismus immer noch existieren.

Nicht für alle liegt dieser Zusammenhang zwischen politischer Geschichte und Weinbauentwicklung dagegen wirklich auf der Hand. Giorgio Dalla Cia etwa, der 1978 im Auftrag der italienischen Grappa-und-Brandy-Destille Stock aus dem heimatlichen Friaul im Rahmen einer Kooperation nach Südafrika ging, sieht den Beginn des modernen Weinmachens deutlich früher. „Die Weine waren bei meiner Ankunft im Lande noch sehr rustikal, überreif und alkoholisch. Aufgesäuert wurde noch nach der Gärung, die Malolaktik war ein Fremdwort, und die bescheidene Qualität erklärte sich auch dadurch, dass die Buren traditionell keinen Wein tranken, sondern Cola und Brandy. Ursprünglich wurde Wein hier ja nicht als Genussmittel produziert, sondern diente dazu, die Seeleute auf der Kaproute am Leben zu halten.“

Ohne falsche Bescheidenheit nimmt Dalla Cia das Verdienst für die Qualitätsentwicklung am Kap denn auch für sich selbst in Anspruch. „Der moderne Weinbau begann, als ich hier ankam. Ich war der erste, pflanzte zum Beispiel zum ersten Mal Merlot an, hatte ja schon in Italien mit den französischen Rebsorten gearbeitet, und zu Beginn gab es auch nur wenige, die mir folgten.“ Einen Zusammenhang zwischen dem Ende der Apartheid und dem Beginn des modernen Weinmachens sieht er schlicht nicht. Basta!

Es dürfte jedem, der die Geschichte des Weinbaus in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, auffallen, dass Dalla Cia seine italienische Heimat schon zu einem Zeitpunkt verließ, als selbst dort die Qualitätsentwicklung, wenn überhaupt, dann allenfalls in den Windeln steckte. Ein Angelo Gaja hatte gerade erst seine Pilgerreisen ins Burgund hinter sich gebracht – von Modernisten und Traditionalisten beim Barolo war noch lange nicht die Rede – und in der Toskana waren Incisa della Rochetta und Antinori mit ihren Spitzenweinen Solaia, Sassicaia oder Tignanello allenfalls gut eingeweihten Insidern bekannt. Auch erste Weine aus Stellenbosch oder Franschhoek, die der deutschen Fachpresse Ende der 1990er Jahre präsentiert wurden, ließen noch keine einschneidende Qualitätsentwicklung gegenüber der Zeit der Apartheid erkennen – diese wurde erst mit Beginn des neuen Jahrtausends wirklich sichtbar.

Man könnte also die Sichtweise Dalla Cias für die subjektive Verklärung der eigenen Lebensgeschichte eines alternden Veteranen halten, fänden seine Worte nicht eine erstaunliche Resonanz bei einer, deren Lebensgeschichte ganz eng mit der Nach-Apartheid-Karriere des südafrikanischen Weins verknüpft war. Su Birch, die zum Anfang des Jahrtausends mehr als zehn Jahre lang den Exportverband „Wines of South Africa“ leitete, ist fast noch kategorischer als Dalla Cia: „Schon in den 1970er Jahren machte die Stellenbosch Winery einige sehr gute Weine. Von den 1970ern bis Mitte der 1980er waren die Qualitäten gut, allenfalls fehlten uns noch Rebsorten wie etwa Chardonnay oder Shiraz.“ Ihre Antwort auf die Frage, was sich dann im Weinbau ab 1990 änderte? „Es gab fast keine Änderungen. ‚Virtually nothing‘, praktisch nichts!“ So hat wohl jeder seine eigene „südafrikanische Weinbaugeschichte“.

Zum Teil würden Carmen Stevens, vor fast drei Jahrzehnten erste schwarze Weinmacherin des Landes und heute mit eigenen Abfüllungen erfolgreich, sowie ihre jüngere Kollegin Anna Semoola dieser Aussage vielleicht sogar beipflichten – allerdings wohl in einem anderen Sinne, als Birch das intendierte. Für Stevens steht prinzipiell außer Frage, dass die entscheidenden Veränderungsprozesse im südafrikanischen Weinbau mit dem Ende der Apartheid begannen. Die Frage nach einem Wandel bereits vor 1990 beantwortet sie mit einem mehr als skeptischen Blick, widerspricht dieser Einschätzung dann vehement. Aus ihrer Sicht veränderten das Ende des internationalen Boykotts und die ersten freien Wahlen, vier Jahre später, den Weinbau „dramatisch“. Das einzige, was sich für sie zunächst nicht oder kaum änderte, war die Haltung der praktisch ausnahmslos weißen Weinbauprotagonisten der Zeit.

Stevens musste diese Haltung am eigenen Leib erleben. Als Tochter einer armen, alleinerziehenden Mutter – auch sie selbst ist mit ihren Kindern auf sich selbst gestellt – war sie auf eine bemerkenswerte Weise zum Wein gekommen. In der Schule unter ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche leidend, hatte sie eine Mutter, die begeisterte Leserin war; Leserin kitschiger Romane. Eines Abends forderte die Mutter sie auf, ihr aus einem Roman vorzulesen. „Die Geschichte handelte von einer jungen Frau in Kalifornien, die Weine verschnitt. Und in der im kleinsten Detail der Geschmack und die Aromen des Weins beschrieben wurden. Absolut präzise, wie ich lernte, als ich erstmals einen Weinkeller besuchte. Und so sagte ich zu meiner Mutter, dass ich Weinmacherin werden wollte.“


 

Sie gehören zu den Protagonisten der letzten 30 Jahre südafrikanischer Weinbaugeschichte: (von li.o. nach re.u.) Johan Krige, Carmen Stevens, Anthony Hamilton-Russell sowie Gary und Cathy Jordan.

Aus der Begeisterung wurde Besessenheit, die Carmen Stevens rückblickend mit breitem Lächeln quittiert. Sie bewarb sich ein erstes Mal um ein Weinbaustudium, wurde – als Schwarze, wie man sie unverblümt wissen ließ – abgelehnt, „und das war vielleicht auch gar nicht so schlecht, denn ich hätte das Studium gar nicht bezahlen können.“ Sie fand Arbeit in einer Fabrik, nähte und verkaufte in der Freizeit Kleidung, legte Geld beiseite und bewarb sich im folgenden Jahr noch einmal. Diesmal erfolgte die Ablehnung, weil sie keinen „landwirtschaftlichen Hintergrund“ vorweisen konnte, das Argument, dass sie Schwarze war, galt wohl nicht mehr als politisch korrekt. Prompt schrieb sie sich für einen Fernkurs „in Landwirtschaft“ ein und bewarb sich noch einmal. Es war das Jahr 1992, und sie wurde angenommen, allerdings erst, nachdem sie mit der erneuten Ablehnung ins Büro des Schuldirektors marschiert war und diesem die Pistole auf die Brust gesetzt hatte: „Hier ist mein Diplom in Agrikultur. Wenn sie mich jetzt nicht akzeptieren, gehe ich zur Presse.“ 1993 begann sie mit dem Studium und bestand ihre Examina zwei Jahre später.

Es waren nicht Stevens' letzte niederschmetternde Erfahrungen mit dem immer noch herrschenden Rassismus im südafrikanischen Weinbau. „Ich bekam einen ersten Job in der Stellenbosch Winery, die dann mit einer großen Kellereigruppe fusionierte. Dort bewarb ich mich für den Job des Kellermeisters und musste mir von einem großen, weißen Buren mit tiefen blauen Augen sagen lassen: ‚Fräulein Stevens, ich glaube nicht, dass Sie für den Posten qualifiziert sind.‘ Ich antwortete ihm, er könne mich ruhig weiter mit seinen blauen Augen anstarren, und ich wisse auch, dass ich hier noch 25 Jahre sitzen könne, während er immer dasselbe Lied sänge. Aber ich hatte bereits ein anderes Jobangebot in der Tasche und verließ zu seinem großen Erstaunen die Kellerei am nächsten Tag.“

Wie vielerorts in der südafrikanischen Gesellschaft war der Alltagsrassismus des Apartheid-Regimes ja nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden. „Für mich ist die Weinbranche die am besten abgeschottete des Landes“, schätzt Stevens die Lage auch heute noch ein, was sich auch darin äußere, dass immer noch die übergroße Mehrheit der „wineries“ in weißer Hand, auch heute noch allenfalls ein oder zwei Prozent der Weinmacher Schwarze seien.
„Obwohl es im Laufe der Zeit auch einen Wandel gab“, fügt Stevens hinzu. Als ich in den Weinbau ging, war ich jung, wir hatten gerade unsere ersten Wahlen gehabt, aber es gab immer noch diese bei uns Schwarzen tiefverwurzelte Fügsamkeit. Heute wirst du von den jungen Leuten herausgefordert. Zu meiner Zeit hieß es ‚Danke, dass ich hier arbeiten darf‘, heute sagen sie ‚Ich bin hier und Sie werden sich wohl oder übel mit mir arrangieren müssen‘.“ Es ist das Selbstbewusstsein der jungen Schwarzen, das sich entwickelt hat.

Es ist wohl kaum zu leugnen, dass die südafrikanische Gesellschaft noch einen weiten Weg vor sich hat. Abgesehen von den lächerlichen Mindestlöhnen, die in der Landwirtschaft weiterhin gezahlt werden – auch wenn die traditionelle Bezahlung mit Alkohol zum Glück verschwunden zu sein scheint –, stößt man auch in anderer Hinsicht immer wieder auf einen Paternalismus, der letztlich nur eine Spielart des Rassismus ist. Wie etwa bei dem jungen Winzer in der Klein Karoo, der auf den ersten Blick aufgeschlossen, modern wirkt, dann aber plötzlich erzählt, wie stolz er darauf sei, seine Weinbergsarbeiter zum Arzt zu fahren, wenn sie krank seien. Das Personal so zu bezahlen, dass es auch aus eigenen Stücken den Weg zum Arzt schafft, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen.

Anders als in der Weinbranche spielen die Schwarzen Südafrikas in allen Bereichen der Kultur eine entscheidende Rolle, wie etwa in der Weinhauptstadt Stellenbosch die Sängerin Ramaine mit ihrer Gruppe AmaZink (u.) und die Ikamva („Zukunft“) Marimba Band mit Tänzerin Loren (o.).

Natürlich denken nicht mehr alle Weingutsbesitzer so. Wenn Gary Jordan von seinen Mitarbeitern spricht, spürt man den Willen, sie gut zu bezahlen und zu behandeln. Auch wenn er sie damit gelegentlich zu überfordern schien: Als er etwa direkt nach der Übernahme des Weinguts in den 1990ern die Bezahlung mit Alkohol abschaffte, verließ die Hälfte der Leute über Nacht das Weingut, erinnert er sich. So wie er sich auch gut an den Gegenwind erinnert, den er mit seiner modernen Betriebsführung von Seiten der ANC-Regierung des Landes immer wieder erlebte.

Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie war diese Haltung gegenüber den eigenen Leuten – Jordan etwa zahlte die Löhne seiner Arbeiter weiter, obwohl die teilweise nicht einmal mehr sein Weingut betreten durften – besonders wichtig. Es war nicht nur das absolute Verkaufsverbot von Wein, das sieben, acht Monate herrschte – einen Teil dieser Zeit sogar den Verkauf ins Ausland betraf – und einige, auch renommierte Betriebe zur Aufgabe zwang. Auch die landesweite Schließung der Gastronomie, die auf vielen Weingütern für einen Teil der Umsätze garantierte, war für den einen oder anderen letal. Dabei, so Gary Jordan, wirkten die Corona-Maßnahmen nicht selten so, als seien sie gar nicht zur Bekämpfung der Pandemie ersonnen worden, was auch Giorgio Dalla Cia bestätigt, sondern so, als dienten sie nur als Vorwand für eine vor allem in der ANC grassierende Anti-Alkohol-Stimmung.

Auch ganz ohne Covid: Dass trotz des Aufwinds, der den Post-Apartheid-Weinbau beflügelte, nicht alles Gold war, was glänzte, schätzt auch Bruce Jack: „Ich bin gegenüber den meisten der damals vollzogenen Veränderungen, sehr kritisch.“ Für ihn waren besonders die ersten Jahre nach dem Ende der Apartheid gespickt mit Fehlentwicklungen und falschen Entscheidungen. In der Tat: Wer in jenen Jahren Südafrika besuchte, traf nicht selten auf Winzer, die sich der wichtigsten Rebsorten und heutigen „Superstars“ des Landes am liebsten schnell und vollständig entledigt hätten. Chenin blanc gefiel den „britischen Weineinkäufern“ nicht und Pinotage galt wegen seiner häufig rustikalen Tannine als verzichtbar.

Wir legten Weinberge an und pflanzten das falsche Material. Die Reben, die wir setzten, waren virusbefallen und hätten nie zugelassen werden dürfen, zumal wir ja beim Blattrollvirus schon früher gezeigt hatten, dass wir solche Krankheiten im Griff hatten“, weiß Bruce Jack heute. Seine Erklärung: „Gier und Kurzsichtigkeit.“

Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass Südafrika sich mit dem neuen Jahrtausend in eine so große Abhängigkeit vom Fassweinexport brachte, eine Abhängigkeit, die vor allem in der Finanzkrise von 2008/09 großen Schaden anrichtete, als der südafrikanische Rand stark und Dollar wie Euro schwach waren. „Heute“, sekundiert Hamilton-Russel, „liegt der Dollar bei 18 Rand, damals waren es sechs oder sieben. Hinzu kommt“, ergänzt er, „dass wir an viel zu kleinen Produktionsstrukturen leiden. Als Land, das vor allem vom Weinexport lebt, konkurrieren wir mit Betrieben aus den USA, Australien oder Neuseeland, die permanent zehn, 20 oder mehr Verkäufer ‚im Flugzeug‘ sitzen haben, um ihre Weine rund um die Welt promoten zu können. Das schaffen wir mit unseren kleinen Betrieben leider nicht.“

Auch wenn die Stimmung unter den Protagonisten noch weitestgehend positiv ist, auch wenn Südafrika in den letzten Jahren mit überragenden Weinqualitäten auf sich aufmerksam machen konnte, ähnelt die Zukunft seines Weinbaus dennoch ein wenig dem sprichwörtlichen Brief mit sieben Siegeln. Der Weg hin zu einer auf allen sozialen und wirtschaftlichen Ebenen prosperierenden Zukunft ist im Weinbau wie in der gesamten Gesellschaft lang. Wer das Ende der Apartheid miterlebt hat, das seinerzeit entgegen der Prognosen fast aller Auguren insgesamt friedlich verlief, kann sich nur wünschen, dass die Geschichte für Südafrika kein gewalttätigeres, spannungsgeladeneres Kapitel bereithält. Zum Glück stirbt auch hier die Hoffnung zuletzt.

Dieser Artikel wurde zuerst in enos 1/2023 veröffentlicht.
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