Eine Insel mit zwei Bergen und im tiefen, weiten Meer

Ein Kind von Traurigkeit ist Gianluca eher nicht. Das verdeutlicht schon die Tatsache, dass der 31-Jährige aus Neapel die schöne, kleine Mittelmeerinsel Gorgona, eine gute Bootsstunde vor der toskanischen Küstenstadt Livorno gelegen, regulär wohl erst 2032 wieder verlassen wird. Regulär. Sofern ihm nicht, wie er optimistisch betont, die vorzeitige Heimreise wegen guter Führung gewährt wird. Gorgona ist nämlich, auch wenn man das auf den ersten Blick kaum glauben mag, keine Urlaubsinsel und kein romantisches Hideaway. Es ist eine Außenstelle der Haftanstalt Livorno; und da Gianluca bereits seit insgesamt sieben Jahren „sitzt“, was die reguläre Gesamtdauer seiner Strafe mit üppigen 19 Jahren errechnen lässt, hat der junge Mann offenbar mehr auf dem Kerbholz als nur einen kleinen Ladendiebstahl.

(Fotos: E. Supp)

 

Gianlucas Klagen über seine Haft halten sich in Grenzen, auch wenn er Frau und Kinder hier nur einmal im Monat sehen kann. Immer wieder samstags, wenn die Boote vom Festland Besucher mitbringen dürfen. Denn dass er auf die einzige noch „aktive“ Gefängnisinsel weltweit „verbannt“ wurde, war für ihn keine Bestrafung, sondern ein Privileg. Eines, für das er sich mehrmals bewerben musste, wohl wissend, dass jedes Mal seine gute oder weniger gute Führung auf dem Prüfstand stehen würde.

Das hat Gründe. Und ist auch für den Besucher schon auf den ersten Blick verständlich. „Auch ich“, erinnert Gianluca sich, „hatte bei meiner Ankunft hier den Eindruck, eher in einem Luxusresort als in einer Haftanstalt zu landen.“ Und das hatte er schon in den drei Anstalten immer wieder gehört, in denen er die ersten Jahre seiner Haft verbrachte. So unglaublich schienen ihm diese Berichte, dass er noch vor dem ersten Antrag seine Frau zum Inspizieren schickte, was mithilfe einer Nicht-Regierungsorganisation für Angehörige auch möglich war.

Die schöne Insel mit ihren beiden sanften Höckern, die Sonne und das Meer sind vielleicht das, was Neuankömmlinge unter den Häftlingen und ihre Besucher für das Besondere des Inselknasts halten, ein ganz anderer Faktor dürfte allerdings viel wichtiger sein. Es ist die Arbeit, wie Gianluca in seinem unverkennbaren neapolitanischen Singsang erklärt: „Angue il lavoro più duro, qui divenda fagile“, auch die härteste Arbeit wird hier ganz leicht, weiß er, nachdem er bereits an verschiedenen Arbeitsstätten Gorgonas beschäftigt war.

Bei der Anfahrt von der toskanischen Küstenstadt LIvorno deutet nichts darauf hin, dass Gorgona eine Gefängnisinsel ist, die vielleicht einzige noch „aktive“ der Welt.

Oder wie Lamberto Frescobaldi, Chef des traditionsreichen, bereits Anfang des 14. Jahrhunderts gegründeten Florentiner Weinhauses Marchesi de‘ Frescobaldi, auf der Überfahrt nach Gorgona erklärt, zu der er bereits zum wiederholten Mal eine große Gruppe in- und ausländischer Journalisten eingeladen hat: „Was den Unterschied zwischen normalen Haftanstalten und Gorgona ausmacht, ist vor allem die Arbeit. Und die spielt vor allem eine Rolle bei der Rückfallquote. Normalerweise beträgt die in Italien oder sogar in der ganzen Welt etwa 85 Prozent. Die Straftäter kommen und gehen, was für die Gesellschaft enorme Kosten mit sich bringt. Wenn du sie aber arbeiten lässt, sie dafür auch bezahlst, so dass sie bei der Haftentlassung schon mal 10, 20 oder 40 Tausend Euro auf dem Konto haben, sinkt die Rückfallquote auf unter 20 Prozent, auf Gorgona liegt sie sogar praktisch bei Null. Die Kriminellen, die normalerweise vor den Knasttoren auf die Entlassenen warten und ihnen eine – kriminelle – Perspektive versprechen, haben bei den Entlassenen von Gorgona keine Chance mehr.“

Was die Marchesi und vor allem er persönlich mit dem Inselgefängnis zu tun haben, erzählt Lamberto Frescobaldi im Gespräch mit enos: „Es fing alles mit einer E-Mail an, die wir von der damaligen Gefängnisleitung erhielten. ‚Wir haben einen Hektar Weinberge. Wer kann uns helfen, etwas daraus zu machen?‘, stand darin zu lesen, und die Sache hat mich interessiert. Ich schrieb zurück, ob ich auf die Insel kommen könne, um mir das persönlich anzuschauen. Am 3. August 2012 war es dann so weit, wir machten einen Rundgang auf dem Weinberg, im Keller. Ich fuhr anschließend mit dem Polizeiboot wieder zurück aufs Festland.“

Warum sich das Gefängnis ausgerechnet an ihn gewandt hatte? „Man hat schon an eine ganze Reihe Weingüter geschrieben, aber wir waren die einzigen, die antworteten. Irgendwas hat mich an der Sache angezogen. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner Frau darüber sprach, die sehr skeptisch war. ‚Was willst du in einem Gefängnis? Und was geschieht, wenn die Häftlinge nach ihrer Entlassung dann bei uns auftauchen?‘ Aber ich war der Meinung, wir hätten im Leben so viel Glück gehabt – natürlich auch hart gearbeitet, aber doch auch Glück gehabt –, dass wir etwas zurückgeben sollten. Und so kam es dann schnell zu einer Einigung per Handschlag. Nichts Schriftliches, kein Vertrag. Das kam erst viel später.“

Die Arbeit im Weinberg ist auf Gorgona ein absolutes Privileg und wird von den Häftlingen auch als solches empfunden.

An die große Glocke hängen wollte Frescobaldi seine Idee eines Engagements nicht, stellte selbst seinen Chefönologen Nicolò d'Afflitto erst Wochen später nach dessen Rückkehr vom Urlaub in Griechenland quasi vor vollendete Tatsachen. Monatelang noch besuchte er die Insel mehr oder weniger anonym alle zwei oder drei Wochen, und mit Ausnahme der Gefängnisleitung wusste selbst dort niemand, wer genau er war. Es war ein Spiel mit Risiko, und erst mit der Lese im Herbst 2012 und den fertigen, gerade mal 2.600 oder 2.700 Flaschen kam ein wenig Sicherheit, dass die Trauben und ergo auch der Wein das Engagement wert waren.

Immerhin! Die Parameter schienen zu stimmen. Die einheimischen Weißweinsorten Vermentino und Ansonica, die es auf der Insel gab, sollten zusammen mit dem milden Meeresklima, das Trauben und fertigen Weinen langsames Reifen erlaubte, für charaktervolle, individuelle Gewächse sorgen. So jedenfalls die Hoffnung, die der erste Jahrgang, als er im Frühsommer 2013 in wenigen, fast unter der Hand verteilten Flaschen verkostet werden konnte, denn auch nicht enttäuschte.

Klar wusste Frescobaldi von Anfang an, dass viel Arbeit und erhebliche Investitionen warteten. „Die etwas mehr als einen Hektar große Rebfläche reichte natürlich nicht aus, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein. Und wir waren auch auf Partner angewiesen, die uns unterstützten. Einen Traktor bekamen wir geschenkt. Das war auch notwendig, denn wir bezahlen immerhin für den Weinberg und den Keller eine stolze Pacht.“ Lacht und denkt einen Augenblick nach. „Vielleicht ist das die teuerste Weinbergspacht in ganz Italien.“

Als Frescobaldi seinen Wein in höchsten Tönen lobt, ist die Reisegesellschaft schon vom Rundgang durch die Weinberge der Insel zurück. Die Verkostung des jüngsten Jahrgangs auf der großen Terrasse des „Luxusresorts“, das auch Häftling Gianluca als erstes aufgefallen war und in dem normalerweise für die auf Gorgona stationierten Justizbeamten gekocht wird, wirkt genauso surreal wie das anschließende, von einer Gruppe Häftlinge streng nach Corona-Bedingungen gummibehandschuht servierte Mittagessen. Große Tiefe zeige der Wein, viel Emotion, meint Frescobaldi, und der Stolz ist unüberhörbar.

Beim Gang durch die Hügel von Gorgona stellt sich automatische wieder das Gefühl ein, in Wahrheit nicht auf einer Gefängnis-, sondern auf einer Urlaubsinsel gelandet zu sein.

Sein Engagement sei aber doch sicher nicht nur Selbstlosigkeit und Nächstenliebe geschuldet, hatte enos ihn auf der Überfahrt von Livorno gefragt. Immerhin sei das Ganze ja auch eine ideale PR- und Marketingsache. Glaubt man Frescobaldi, dann war das allerdings weder geplant, noch von Anfang an wirklich sicher. „Das Ganze ist ohne großen Plan einfach passiert“, erinnert er sich. „Ich habe ja die erste Zeit nie mit Dritten über das Projekt gesprochen. Und als in der deutschen Weinpresse zum ersten Mal Titel wie ‚Frescobaldi Wein Knast‘ auftauchten, rief mich mein deutscher Importeur an, schrie und weinte, ‚Frescobaldi ist am Ende. Sie werden nie wieder eine einzige Flasche hier verkaufen‘.“

Wir haben trotzdem weiter gemacht. Fanden nicht nur die Geschichte toll, sondern auch den Wein gut. Und fast alle, denen wir die Geschichte erzählten und den Wein zum Probieren gaben, waren begeistert. Um den ersten Jahrgang vorzustellen, gingen wir nach Rom ins Museum für Kriminologie. Wir hatten eine kleine Veranstaltung mit einer Handvoll Journalisten geplant. Stattdessen war der Saal voll mit Journalisten, Beamten des Justizministeriums, sogar der Minister selbst war gekommen. Und praktisch allen gefiel nicht nur die Idee, sondern vor allem der Wein.“

In den folgenden Jahren und bis heute haben wir dann jeden neuen Jahrgang auf Gorgona selbst vorgestellt. Waren der Meinung, wer den neuen Wein verkosten wollte, der sollte auf die Insel kommen.“

Aus Respekt gegenüber der Insel und den Menschen, die dort arbeiten.“ Dieses Prinzip im Corona-Jahr durchzuhalten, war nicht leicht, aber nachdem sich die Lage in den Sommermonaten deutlich entspannt hatte, lud man schließlich doch zur Vorstellung des 2018er Jahrgangs ein. Ein Wein, der sicher zu den besseren Weißen der Toskana gehört, mit floralen und mineralischen Noten im Duft, guter aromatischer Tiefe und viel Kraft und Länge am Gaumen. Ein Wein, der reifen kann.

Gianluca, der Häftling, wird wohl nie in den Genuss dieses Weines kommen. Alkohol ist für ihn und seine Mithäftlinge tabu, und selbst als ihm die Köchin beim Interview einen Teller mit Desserthäppchen hinstellt, rührt er die nicht an. Dabei ist die Welt des Weins für ihn nicht gänzlich fremd. „Mein Vater pflegte einen kleinen Garten mit einer Handvoll Reben, die dem Großvater gehörten. Er erntete auch die Trauben und machte Wein aus ihnen.“ Früh, vielleicht zu früh war der Vater gestorben. Die schwierige Biographie scheint durch Gianlucas Erzählung durch, auch wenn der nicht wie jemand wirkt, der darin eine Entschuldigung für seine kriminellen Abwege sucht.

Beim Gang durch die Hügel von Gorgona stellt sich automatische wieder das Gefühl ein, in Wahrheit nicht auf einer Gefängnis-, sondern auf einer Urlaubsinsel gelandet zu sein.

Auch nicht wie jemand, der an der eigenen Geschichte – der Singsang ist wieder da – zerbrochen ist. „La vida è sembre bella“, das Leben ist trotzdem schön, betont er, wenn er von der Frau erzählt, den beiden 13 und neun Jahre alten Kindern, die ihn einmal im Monat besuchen kommen. Er weiß auch, dass er für seine Arbeit im Weinberg, die er sich gar nicht selbst ausgesucht hat – „Man hat mir das vorgeschlagen, und ich habe akzeptiert“ –, von den Kollegen beneidet wird. Das berichtet auch Lamberto Frescobaldi, der mehrfach hervorhebt, dass seine Firma den von der Gefängnisverwaltung Vorgeschlagenen reguläre Arbeitsverträge gibt – Halbjahres-Verträge mit der Möglichkeit, ein oder zwei Mal zu verlängern, denn nur so sei zu gewährleisten, dass von den gut fünf Dutzend Insassen der Anstalt jeder einmal „an die Reihe“ komme.

Und kommt noch einmal auf das Problem der Rückfallquote zurück. Dass die hier so niedrig ist, hat für ihn nicht nur damit zu tun, dass die Häftlinge arbeiten und Geld verdienen, sondern auch damit, dass sie sich an ein geregeltes, diszipliniertes Leben gewöhnen, und vor allem, dass man ihnen Vertrauen entgegenbringt. „Ich erinnere mich“, berichtet er, „an einen Besuch im Weinberg, bei dem ich etwas Oidium, Mehltau, auf den Blättern entdeckte. Ich rief Francesco, einen der Häftlinge, und zeigte ihm das Problem. Bat ihn, am nächsten Tag die Reben mit Schwefelpulver zu behandeln. Und zwar sehr früh am Morgen. Er meinte, das sei nicht möglich. Seine Zelle werde erst um acht Uhr aufgeschlossen. Ich habe dann einen der Aufseher angesprochen, der nur meinte: ‚Kein Problem, ich lasse die Zelle einfach über Nacht offen.‘ Auf die Art hat er gelernt, selbständig, ohne einen ständigen Aufseher an seiner Seite zu arbeiten.“

Mittagessen, Weinverkostung und Gespräche gehen ihrem Ende zu. Ein großes Gruppenfoto noch auf dem Weg zum kleinen Inselhafen, wo das Boot schon wartet. Auf die Journalisten und ihre Begleiter, nicht auf die Häftlinge, die schon wieder in ihrem Zellenblock sind. Der Blick vom Meer zurück auf den merkwürdigen Felsen im Meer, auf die Insel, die es gar nicht gibt, wie Frescobaldi schon auf dem Hinweg paraphrasiert hatte – l’isola che non c’é –, auf die bunten Fischerhäuschen am Hafen, die Reben, die sich über ihnen den Hang hinauf ziehen, weckt wieder Zweifel: Wirklich ein Knast? Oder doch nur ein romantisches Hideaway? Eine Frage, die sich für die Besucher stellen mag, für die Insassen dieser Außenstelle der Haftanstalt Livorno eher nicht. Ob die diese merkwürdige Reisegruppe, die in einer guten Stunde wieder „in Freiheit“ sein wird, von ihren Zellen aus jetzt noch sehen können?

Auch wenn die Reben auf Gorgona gelegentlich Mangelerscheinungen zeigen – um die Stöcke am Morgen rechtzeitig spritzen zu können, dürfen Häftlinge dann auch mal bei nicht verriegelter Zellentür schlafen –, der aus ihren Trauben gekelterte Weißwein gehört zu den besten der Toskana.

Dieser Artikel wurde zuerst in enos 4/2020 veröffentlicht.
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