Finesse, Frucht, Saft, Kraft, Struktur und Eleganz: Wollte man die Resultate unserer Verkostungen deutscher Großer (Erster) Gewächse des Jahrgangs 2009 auf einen Nenner bringen, wären das wohl die Attribute, mit denen man die Weine charakterisieren müsste. In fast allen Weinbaugebieten, aus denen uns Muster geschickt worden waren, gab es eine Reihe von Spitzenweinen und auch die Durchschnittsbewertungen waren so hoch wie lange nicht mehr. Es ist auch schon eine ganze Weile her, dass wir in einer Verkostung deutscher Weine gleich zwei Mal die Note "Traumwein" verleihen konnten, die sich der Breumel vor den Mauern von Müller-Catoir aus der Pfalz und der Röttgen von Heymann-Löwenstein an der Mosel mehr als verdient haben.
Ungekrönter König dieses Jahrgangs war ohne Zweifel der Riesling, der vor allem in der Pfalz, an der Mosel und im Rheingau brillierte. Aus Baden kam eine kleine Gruppe exzellenter Weiß- und Grauburgunder - vor allem der Weißburgunder scheint sich in Deutschland zur absoluten Elitesorte zu entwickeln, da immer mehr Erzeuger es schaffen, sein Gleichgewicht zwischen Finesse und Kraft zur Geltung zu bringen -, und auch bei den fränkischen Silvanern konnten wir ja bereits vor zwei Monaten hervorragende Weine verkosten, wobei deren beste allerdings nicht als Große Gewächse firmierten. Apropos Franken: Einen Teil der fränkischen Großen Gewächse haben wir bereits im Verkostungsreport Franken bewertet, weshalb wir sie an dieser Stelle nicht noch einmal aufgreifen.

Leider hatten eine Reihe von Spitzenerzeugern ihre Weine nicht angestellt, teils ohne Begründung, teils mit der etwas fadenscheinigen Ausrede, ihre Großen Gewächse seien ohnehin zugeteilt worden und bereits ausverkauft. Die Tatsache, dass Weinfreunde, also auch die Leser von ENO WorldWine diesen Weinen ja im Fachhandel und in der Gastronomie noch eine ganze Weile begegnen werden und dann sicher für ein Urteil und eine Hilfe bei der Kaufentscheidung dankbar wären, vergessen diese Winzer leider nur allzu gerne.
"Wer nicht will, hat schon gehabt", heißt es im Volksmund, und so empfehlen wir denn auch unseren Lesern, von Weinen, die wir nicht verkosten konnten, die Finger zu lassen - es sei denn natürlich, sie fänden an anderer Stelle, bei Kollegen oder in anderen Medien ein fachkundiges, positives Urteil.
Last but not least eine Bemerkung zur leidigen, in jüngster Zeit wieder heftig diskutierten Korkproblematik: Von den knapp 100 eingereichten Weinen für diese Probe waren 10 mit Schrauber verschlossen. Bei den Flaschen mit Naturkork mussten wir fünf offensichtliche Flaschenprobleme konstatieren, und in einigen anderen Fällen haben wir das Verkostungsresultat mit einem Fragezeichen versehen, weil uns die Weine merkwürdig ausdruckslos erschienen, obwohl wir das bei der entsprechenden Lage und dem Erzeuger nicht erwartet hätten. Das betraf dann Summa summarum etwa 10 % der verkosteten Weine. Wer auch immer behauptet, die Korkproblematik trete in den letzten Jahren weniger massiv auf als früher oder sei sogar gelöst, der möge uns bitte diesen Tatbestand erklären. Warum Deutschlands Erzeuger sich darauf versteifen, ausgerechnet ihre besten Weine in diesem Zustand in den Handel zu bringen, bleibt mir weiterhin ein Rätsel.