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Den Wein vor lauter Bäumen nicht …

„(H)êtres“, ein Mix aus „hêtres“, Buchen, und „êtres“, Lebewesen, lautet der Titel eines kleinen, vor gut zwei Jahren erschienenen Bändchens mit poetischer Prosa von Jean-Baptiste Cordonnier. Es ist den Bäumen eines Waldes namens „Forêt de Fachan“ im „Couserans“ oder „Conserans“, der historischen Provinz des französischen Pyrenäendepartements Ariège südlich von Toulouse gewidmet – Bäumen, die bei Cordonnier ihre eigene Geschichte erzählen. Geschichten wie die einer „hêtre“, eines Wächters des Waldes: „Seit drei Jahrhunderten haben mich die Menschen verschont, der Zufall hatte mich dort gepflanzt, an den Rand des Waldes …“

Man könnte Cordonnier, im Hauptberuf Winzer auf Château Anthonic in Listrac, einer Gemeinde des südlichen Médoc, einen Romantiker nennen. Wobei er selbst sich vermutlich eher als Realisten sieht, der seine Augen vor der Realität der Umweltzerstörungen im Schlepptau seines Weinbaus nicht verschließt. Realität eines Weinbaus, über den jetzt in der Erntezeit die Schwaden aus frisch gepressten Rotweinschalen wabern. Eine Realität, die hier ganz wie Cordonniers Prosa voller Bäume ist; Bäume und Hecken an den Rändern der Rebflächen und sogar mitten zwischen den Stöcken.

Bäume im Weinberg? Geht das überhaupt, wo doch das strenge INAO, Frankreichs allmächtiges Weinbauamt, peinlich genau darauf achtet, dass nichts „Fremdes“ die in der Regel wie mit dem Lineal gezogenen, flurbereinigten und nicht selten radikal halmlosen Zeilen französischer Appellationsweinberge stört? Zu allem Überfluss auch noch im Bordelais, einem Weinbaugebiet, das in der Vergangenheit eher mit Pestizidrückständen in seinen Weinen mediales Aufsehen erregte, als mit besonders umweltbewusstem Weinbau.

Cordonnier kennt den diesbezüglichen Ruf seiner Region und hat sich mit Leib und Seele der Aufgabe verschrieben, die vegetale Gemeinschaft, wie er es nennt, aus Bäumen, Hecken und Reben wiederherzustellen. Eine Gemeinschaft die das Bild des Weinbaus noch vor Jahrzehnten – und nicht nur in Frankreich – charakterisierte. Bevor jedenfalls die Zerstörung jenes Netzwerks aus Wurzeln und Mykorrhizen eingesetzt hatte – des symbitischen Netzes aus Pilzen und Pflanzen, in der die Pilze Wasser und Nährstoffe lieferten, während die Pflanze Produkte der Photosynthese zurückgab. Das einst die Lebendigkeit auch landwirtschaftlich bewirtschafteter Böden gerantierte.

Nicht nur Cordonnier glaubt an die Bedeutung dieser Symbiose von Bäumen, Pilzen und ihren Mykorrhizen. Genauso gründlich und weitreichend wie die Ideen des Winzers aus Listrac sind die Konzepte, die man auf Château Cheval Blanc in Saint-Émilion verfolgt, einem echten Schwergewicht unter den Bordelaiser Weingütern, dessen Versuche wohl genau wegen seines Renommees auch vom INAO nicht einfach beiseite geschoben werden können. Cheval-Blanc-Chef Pierre Lurton erinnert sich beim sonnigen, letzten kollektiven Mittagessen der Erntesaison: „Früher waren Mischkulturen ja die Regel. Als ich aber 1991 auf Cheval Blanc ankam, ließ ich erst mal Bäume roden. Heute pflanze ich wieder welche.“ Und wie! Insgesamt 2.300, vor allem Obstbäume, ließ Lurton bis heute setzen, seit 2018 auch direkt in den Rebzeilen.

Eine Reihe Bäume, zwei Reihen Reben auf Château Anthonic in Listrac. Auf Cheval Blanc (u.) dagegen stehen die Bäume dicht auf dicht mit den Reben. (Fotos: E. Supp)

Nicht, dass sich dabei jeder Versuch gleich als zielführend erwiesen hätte. Pfirsich und Aprikose etwa, die Wahl der ersten Stunde, erwiesen sich als ungeeignet, weshalb man nach kurzer Zeit in Richtung Pflaumen „abbog“, mit denen bis heute die besten Ergebnisse erzielt werden. Was für viele Winzer wohl eine „revolutionäre“ Schreckensvorstellung wäre, betrachtet man auf Cheval Blanc als „pragmatische Entscheidung“ mit dem Ziel des Bewahrens der „Identität der Domaine“. Immerhin. Dass das wohl so „normal“ und „selbstverständlich“ nicht sein kann, lässt sich auch aus der Broschüre der Lurton’schen Domaine herauslesen, in der es heißt, die „Landwirtschaft (sei) an einem historischen Wendepunkte angekommen“, was den Klimawandel und die Zerstörung der Biodiversität angeht.

Statt intensiv bewirtschafteter Monokulturen sieht man auf Cheval Blanc die Zukunft im Zusammenleben von Viehzucht, Obstbau, Blumen, Bienen und Gemüsegärten, mit deren Hilfe das gestörte Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur, die Dynamik von Pflanze und Boden wiederhergestellt werden sollen. Agroforstwirtschaft oder, in diesem besonderen Fall Vitiforstwirtschaft heißt das Programm, in das sich der Bordelaiser Weinbauverband eingeklinkt hat, und das auch in anderen Regionen und Ländern wie der Champagne, dem Burgund oder auch Österreich und Deutschland Anhänger gewinnt.

Dabei spielen Bäume, im Weinberg, an seinem Rand und in sinnvoll wiederaufgeforsteten Wäldern eine ganz besondere Rolle, und das nicht nur hinsichtlich der Böden und ihrer lebendigen Qualität, sondern durchaus auch beim Klimawandel. Es reicht vor allem in kurz- und mittelfristiger Perspektive nicht, das Ende der Zerstörung von Regenwäldern in Amazonien und deren Wiederherstellung zu fordern. Wie jüngere Studien gezeigt haben, wäre das nämlich zunächst einmal kontraproduktiv, da solche Wälder in ihrer Jugend keine positive, sondern eine negative CO2-Bilanz zu haben scheinen.

In kühleren Breitengraden dagegen wird diese positive CO2-Bilanz dagegen deutlich rascher erreicht, was das (Wieder)Aufforsten hier in mittelfristiger Perspektive effektiver erscheinen lässt. Die Wichtigkeit des systematischen Aufforstens wird auch durch jüngste Forschungen im Rahmen des CLOUD-Projekts am Genfer CERN gestützt, in deren Rahmen die Bedeutung von größeren baumbestandenen Flächen bei der Wolkenbildung untersucht wurde. „How trees influence cloud formation“ ist der Bericht überschrieben, der zeigt, dass gasförmige Sesquiterpene, die von Bäumen in die Luft abgegeben werden, eine wichtige Rolle bei der Bildung von Kondensationskernen spielen, die wiederum für die Wolkenbildung essentiell sind. Wolken aber, so die These der Wissenschaftler, können die Wärmeentwicklung durch Sonneneinstrahlung markant abschwächen und damit den Klimawandel eventuell verzögern.

Nicht alle Beteiligten des Bordelaiser Vitiforstwirschaftsprogramms gehen so weit wie Cordonnier und Lurton. Zwar ist Jean-Christophe Mau auf Château Brown in den Graves sehr weitgehend d’accord, wenn er feststellt, dass die Reben direkt neben den kleinen Wäldchen auf seinem Grund die langsamste Vegetationsgeschwindigkeit zeigen und deshalb, so vermutet er, die besten, geschmacklich ausgewogensten Resultate in Trauben und Wein erzielt, dass er weniger Probleme mit Pilzkrankheiten als in der Vergangenheit hat, dass die Fledermäuse in den von ihm geschaffenen Nistmöglichkeiten, den Traubenwickler auf den Reben in Schach halten. So weit, die Bäume direkt in den Rebzeilen anzupflanzen, geht er aber dann doch nicht.

Alt und neu auf Château Cheval Blanc, einem der renommiertesten Weingüter des Bordelais. Während der Erntezeit wird das Mittaessen für die Beschäftigten mitten in den Weinbergen serviert (u.).

Das gilt auch für die Schwestern Sylvie und Marie Courcelles auf Château Thieuley in Créon im Zentrum des Entre-deux-mers. Mit 80 Hektar Rebfläche ist Thieuley ein für die Gegend ausgesprochen großer Betrieb, was seine Besitzerinnen aus Praktikabilitätsgründen zu Kompromissen zwingt. Bio, so erfährt man, ist hier viel zu aufwändig und mit kleiner Mann- oder Frauschaft gar nicht zu bewerkstelligen. Bäume zwischen den Rebstöcken fallen dem selben Verdikt zum Opfer, und so verweist man auf die vielen Bäume am Rand der Flächen oder auch auf die Gemüsegärten, die Bienenstöcke und die selbst gepflanzten Trüffeleichen – Thema Mythorizzen.

Ähnliches hört und sieht man auch auf anderen Châteaus, die sich im Bordelais der Agro- respektive Viti„foresterie“ verschrieben haben. Ob auf Château Annereaux der Familie Hessel im Gebiet der Lalande-de-Pomerol, auf Le Peyruche des Schweizers Weisgerber im Entre-deux-mers, wo man auf die Besonderheit naher Kalksteinbrüche stolz ist, in deren Höhlen die wicklerfressenden Fledermäuse nisten, oder auf dem kleinen Château Carsins, das die gebürtige Finnin Nea Berglund langsam an ihre Qualitätsansprüche heranführt – gemeinsam ist allen, dass sie in den letzten Jahren lange Hecken und zahlreiche Bäume gepflanzt haben, die nicht zuletzt, wie auf Brown und La Peruche, den Fledermäusen zur Orientierung unerlässlich sind. Existenzberechtigung haben in diesem heterogenen Panorama auch Ansätze wie der von Château Crabitey in den Graves, wo Arnaud de Butler auf der Erbmasse eines aufgelösten Konvents und Waisenhauses von Franzikanerinnen schon seit einer ganzen Weile beachtliche Weine erzeugt, den Sinn des Bäumepflanzens aber weniger in ökologischer Hinsicht versteht, als eher im Bemühen, seinem Gut ein ästhetischeres Antlitz zu verschaffen.

Noch ist die Szene der Bäumepflanzer am Experimentieren, jeder für sich und nach seiner Façon, und es bedarf wohl vieler Studien und jeder Menge Erfahrung, bis die Linie stimmt und vor allem an die örtlichen Gegebenheiten angepasst ist. Dass am Ende die vorteilhaften Effekte des Bäumepflanzens, die Humusbildung, die Belebung der Böden, die Entstehung von vielfältigeren Hefen, die Verschattung gegen zunehmende Hitze, der Schutz vor Erosion, das Reduzieren der notwendigen Pflanzenschutzmittel und Dünger etc. etc. die eventuellen Probleme wie wachsende Nahrungskonkurrenz oder steigende Luftfeuchtigkeit aufwiegen, da sind sich mehr oder weniger alle einig.

 

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