Wüster Wein

von Agnes Fazekas

Rota Winery, Negev, Israel

Im ersten Moment wirkt der Panzer, der ganz plötzlich über der Düne aufgetaucht ist, wie eine Luftspiegelung. Kein Wunder, denn schon jetzt am Morgen ist die Luft hier so heiß, dass sich der Asphalt auf der Straße zu verflüssigen scheint. Die Wüste sei ein Ort der Stille, der Zeitlosigkeit, der Innenansicht, sagt man. Israels Negev erinnert aber auch immer wieder an die harsche Realität des Landes, von dessen Fläche sie immerhin zwei Drittel einnimmt. Zahlreiche Straßenschilder warnen nicht nur vor freilaufenden Kamelen, sondern auch vor kreuzenden Soldaten.

Lange galt das hitzeflirrende Band der Küstenstraße von Tel Aviv in den Süden nur als mühselige Schwitzpartie auf dem Weg zu den Stränden von Eilat am Roten Meer. Negev, das war die Pufferzone der Zivilisation, es war der Standort des einzigen israelischen Kernreaktors und der Schauplatz düsterer Szenarien wie der erzwungenen Umsiedlung der hier lebenden Beduinen oder des Umgangs mit den Flüchtlingen aus Afrika.

Einer, der dafür sorgt, dass sich das freudlose Bild der Negev ändern könnte, ist Erez Rota. Rota gehört zu jener Handvoll Pionieren, die sich von brennenden Sommern und klirrenden Wintern nicht einschüchtern lassen – und die den Traum von Staatsgründer Ben Gurion leben: die Wüste zum Blühen bringen.

Israel, Negev, Rota Winery, Bewässerung
Anders als zur Zeit der Nabatäer stammt der Großteil des Wassers, das zur Bewässerung der Reben dient, aus Entsalzungsanlagen.

Wenige Kilometer hinter dem Militärstützpunkt auf der Nationalstraße 222 führt eine Schotterpiste zu Rotas Weingut. Wie ein glühender, fanatischer Erbe des Zionisten Ben Gurion wirkt der allerdings nicht gerade, wie er mit abwesendem Lächeln, nikontinfleckigen Zähnen und einem Becher sumpfig-schwarzen Cowboy-Kaffees in der Hand vor seinem Caravan sitzt. Seine „winery“, ein Sammelsurium aus Containern, Kakteen, surrealen Metallskulpturen und einem trockenen Swimmingpool, würde sich gut als Kulisse eines apokalyptischen Dramas machen.

Lange war die Negev nicht mehr als Standort eines Kernreaktors und Schauplatz düsterer Szenarien

Doch tatsächlich: An den Reben hängen Mitte September pralle, schimmernde Beeren. „Noch eine Woche, dann sind sie reif“, sagt Rota. 62 Jahre alt will er sein, aber das hohe Alter nimmt man ihm nicht ab. Ob es daran liegt, dass er als Künstler mit gesellschaftlichen Konventionen nie viel anfangen konnte?

Bevor sich Rota in der Negev niederließ, lebte er in einem winzigen Bungalow auf einem Hausdach hoch über Tel Aviv oder reiste durch Europa, immer auf der Suche nach Impulsen für seine Malerei und Land-Art-Installationen. So wie ihn die Neugier zur Kunst brachte, war sie der Grund, dass er sich dem Weinbau widmete, zunächst jede Menge Bücher las und schließlich, vor 13 Jahren, Geröll und Sand im Nirgendwo bepflanzte. Die erste Zeit ohne Wasser, Strom nur aus einem knatternden Generator. „Ich mag Herausforderungen“, betont der Winzer-Künstler.

Wer in der Negev etwas aufbauen will, darf keine Angst vor der Einöde haben. Darf kein Romantiker sein, aber auch kein Realist. So wie Rota in seiner Kunst. Vielleicht ist, was er in der Wüste sah, das, was man nicht auf den ersten Blick erkennt. Wenn er an der Staffelei in seinem Caravan steht und durch die offene Tür hinaus blickt, am liebsten abends, wenn das Licht weich wird, und tatsächlich eine frische Brise durch den Sand zischt, dann malt er sie, die Negev.

Das Volk der Nabatäer hatte die Negev zur Wirtschaftsregion gemacht

Es ist aber nicht nur die Stille, die Rota fasziniert. Es ist das Gefühl, an die Ge
schichte dieser uralten Landschaft anzuknüpfen. Lange bevor das Tourismusamt die „Weinroute“ in der Negev bewarb – und lange vor dem Unabhängigkeitskrieg, der die Wüste zu israelischem Staatsgebiet machte – hatte diese tatsächlich einmal geblüht. Das Nomadenvolk der Nabatäer, das im ersten Jahrtausend vor Christus von der arabischen Halbinsel einwanderte und zur politischen und wirtschaftlichen Macht der Region wurde, wusste den Sand zu lesen. Seine Handelskarawanen zogen mit Weihrauch und Myrrhe von Südarabien zum Mittelmeerhafen in Gaza. Diese „Weihrauchstraße“ war eine der ältesten und damals wichtigsten Handelsstraßen der Welt – in Rom wog man Weihrauch mit Gold auf.

Die Nabatäer hatten gelernt, den Winterregen zu ernten. Sie bauten Terrassen mit Steinwällen, da mit das Wasser in Kaskaden von den Hügeln die Wadis hinunterfließen musste, damit eine viel größere Oberfläche bedeckte und nicht sofort im ausgedörrten Grund versickerte. Das System war einfach und genial; es schützte den Boden vor Erosion. Bis zur arabischen Eroberung florierte die Negev und war dicht besiedelt.

Jahrhunderte später entwickelten israelische Kibbuzim hier die Methode der Tröpfchenbewässerung. Ein Glück, denn Israel geht heute der Platz aus. Das fruchtbare Galiläa und die grünen Täler von Jerusalem sind längst parzelliert. Die Kibbuzim schafften es außerdem, mit salzigem Brackwasser, das tief unter dem Wüstensand lagert, trotz des ariden Klimas Tomaten zu ziehen und Fische zu züchten. Mit Reben allerdings klappte das nicht. Für sie bezieht Rota wie die meisten Winzer sein Wasser aus der Entsalzungsanlage von Ashkelon an der Mittelmeerküste.

Nicht nur das Meer ist nah, auch der Konflikt mit den Palästinensern. Nach Tel Aviv schaffen es die Kassam-Raketen aus Gaza zwar noch nicht, aber hier unten im Süden bestimmen neben der Sonne Sirenen das Geschäft. „Es ist nicht wirklich gefährlich. Aber sobald es hier losgeht, steht alles still“, weiß Rota. Nicht die Art Ruhe, welche die Familien suchen, die hierher kommen. Vor allem im Winter. Wenn es in dem Matratzenlager am Ofen erst richtig gemütlich wird.

Erez Rota, Rota Winery, Negev, Israel
Außen pfui, innen hui. Wer aus dem Äußeren des „Kellers“ von Erez Rota, einem ausrangierten Container, Rückschlüsse auf das Innere ziehen will, liegt falsch: Dort herrschen moderne Kellertechnik und neue Barriquefässer.

Außer Touristen beherbergt Rota immer wieder auch Archäologen, für die der Wüstensand eine Schatztruhe ist: Antike Taubenverschläge, Ziegelöfen, Weinpressen. Was hier nicht schon alles gefunden wurde! Und dann sind da Besucher, auf die Rota gut verzichten könnte: Kamelherden, die es gewohnt sind, sich selbst zu versorgen. Selbst ein Drahtzaun hilft nicht ...

 

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