Der ewige David

von Agnes Fazekas

Shuki Yashuv gilt als Pionier und Rebell. Außerdem war der Israeli schon Diplomatensohn, Fallschirmjäger, Philosoph und Schreiner. enos-Autorin Agnes Fazekas fuhr in die Judäischen Hügel und besuchte den Winzer, der in seinem Keller unweit Jerusalems nichts anfassen darf.

Der Mann sitzt an einem schweren Bauerntisch, das Weinglas in der Hand, Geträller und Gezirpe in den Ohren. Er blickt über ein frühlingsgrünes Tal, in dem nur die bizarr geformten Arme der Kaktusfeigen verraten, dass wir im Nahen Osten sind. Es ist noch früh am Tag, aber der Wein ist gerade leicht genug. Den Tisch hat der Mann selbst gemacht, genauso wie den Rosé in seiner Hand, und auch der Boden unter seinen Füßen gehört ihm. Man könnte glauben, Shuki Yashuv lebte einen Traum.

Mit den Träumen aber ist das so eine Sache in diesem Land. „Ich hatte in meinem Leben nie Visionen“, stellt der 62-Jährige fest. Nur Alpträume habe er seit Jahrzehnten. Die Nächte ertrage er lediglich mit jeder Menge Pillen. „Irgendwie ist mein Hirn angekratzt“, murmelt er – und nimmt einen großen Schluck.

„Rosa“, Jahrgang 2015; Erdbeere auf der Zunge. Pfirsich fürs Auge. Als der Wein herauskam, runzelten die Kritiker die Stirn: Das sei doch kein Rosé. „Fuck you!“, sagt Yashuv langgedehnt – und schmeckt den Worten nach wie seinem Lieblingswein. Und schickt dann mit einem leichten Lispler hinterher: „Die Farbe ist so sexy. Ich bin froh, dass ich diesen Wein habe werden lassen, was er werden wollte.“

Ich gebe mir viel Mühe, nicht einzugreifen. Das ist ein Stück vom Himmel

Auch das Grundstück seiner Agur Winery lässt Shuki Yashuv werden, was es sein will. „Ich gebe mir viel Mühe, nicht einzugreifen“, sagt er: „Das hier ist ein Stück vom Himmel. Alles was danach kommt, kann nur Hölle sein.“ Das Gartentor in den Himmel steht offen, ein angedeuteter Pfad führt zu einem niedrigen Schuppen für die Weinverkostung, die Einrichtung hat er selbst zurechtgezimmert, davor staksen ein paar junge Rebstöcke.

Von seinem Lieblingsplatz am Tisch wirkt es, als ob der ungestutzte Rasen nahtlos ins Tal überginge: Das Tal von Elah. Irgendwo da unten hat der Rosé seinen Ursprung, eine Cuvée wie alle Weine der Agur Winery. Nicht weit von hier soll David einst den Riesen Goliath bezwungen haben.

Ein wenig sieht sich auch Yashuv als David, das merkt man schnell – er ist einer, der mit Fleiß gegen die Großen kämpft, gegen Bourgeoisie und Mainstream. Ist Großmaul und Feingeist zugleich. Goliaths hat er viele.

Shuki Yashuvs Vorfahren kamen 1920 aus Russland und Osteuropa nach Israel, geboren wurde er in Tel Aviv, wuchs aber in Brasilien, Mexiko und Österreich auf. Der Vater arbeitete als Abgesandter der Jewish Agency, und während er Juden aus Chruschtschows antisemitischem Regime am Eisernen Vorhang vorbei nach Israel schmuggelte, wuchs die Sehnsucht des Sohnes nach dem verheißungsvollen Land. „Mein Vater war ein linker Sozialist, er glaubte nicht an Gott, aber er zwang mich, den Talmud zu studieren.“ Der Sohn sollte kein Ignorant werden, sollte wissen, woher er stammte. „Und das tue ich“, sagt Yashuv.

Shuki lernte nicht nur in fünf Sprachen zu parlieren, und wie es sich im Wien der frühen Sechziger im Dunstkreis des noblen Hotel Imperial wohnte oder welch unersetzliche Funktion ein Glas Wein für jede Art diplomatischer Beziehungen hat, sondern auch, dass der zionistische Traum, den die Generation des Vaters träumte, eine zutiefst sozialistische Vision war.

Dass in Herzls Utopie der „neue jüdische Mann“ und „die neue jüdische Frau“ die Erde dieses Lands beackern sollten, wie es ihnen über all die Jahrhunderte in Europa versagt gewesen war, als Juden in Kaufmannsberufe gedrängt wurden – und damit am Rande der Gesellschaft leben mussten. „Die Idee war, jüdische Bauern zu schaffen.“ Er kichert: „Aber auch Diebe, Huren … eben ganz normale Leute.“

Als der junge Shuki Yashuv nach Israel zurückkehrte, war es keine Frage, dass er für die Existenz dieser ganz normalen Gesellschaft kämpfen würde. Als Fallschirmjäger überlebte er 1973 nur knapp eine der heftigsten Schlachten des Jom-Kippur-Kriegs, und auch der erste Libanon-Krieg hinterließ Schrunden in der Psyche. Daher die Alpträume.

Seinen Idealismus verlor Yashuv dabei nicht, allerdings wuchs seine Verachtung für jede Art von Standesdünkel. Nach dem Abschluss in europäischer Geschichte und Philosophie an der Uni, begann er in Jerusalem als Schreiner zu arbeiten. Geschäftspartner und bester Freund des Diplomatensohns und Armeeveteranen war ein Palästinenser.

„Ich versuche, als Verrückter eine gewisse Normalität zu wahren, in diesem Land.“

Ausgerechnet in Deutschland arbeiteten die beiden ihren eigenen Nahostkonflikt auf. In Köln stand eine große Möbelmesse an, und während Shuki Yashuv Angst vor seiner ersten Konfrontation mit Deutschland hatte, war der Freund das erste Mal überhaupt in der Fremde. Nach der Messe fanden sie sich in einer kalten Januarnacht alleine an einem Bahnhof wieder, verloren die Orientierung und stiegen in den falschen Zug. Dem weltgewandten Yashuv, der bisher die Reiseleitung übernommen hatte, wurde schwindlig und bange.

„Mir flimmerten Bilder von den Zügen in Nazideutschland durch den Kopf, ich hatte eine Panikattacke!“ Ausgerechnet der Palästinenser hielt ihm die Hand. Wieder in Jerusalem bat der den jüdischen Freund dann, ihn mit nach Yad Vashem zu nehmen, zur Gedenkstätte der Holocaust-Opfer. So weit, so Happy End.

Doch als der alte Freund vor einigen Jahren starb, bat sein Bruder Yashuv, nicht zur Beerdigung zu kommen. Die palästinensische Familie lebt in Ostjerusalem, nahe des Sperrwalls zum Westjordanland, in umstrittenem Gebiet. „Die politische Lage“, entschuldigte sich der Bruder. Es sei nicht gut, wenn ein Jude am Grab stehe.

Yashuv schwingt einen Arm um sich: „Ich versuche hier eine Insel zu sein, als Verrückter eine gewisse Normalität zu wahren in diesem verrückten Land!“ Er meint die Netanjahu-Regierung, die manipulativen Medien, rückgratlose Entscheidungsträger, über die er sich am liebsten mit seinen Kumpels aus dem alten Kampfbataillon aufregt, wenn sie ihn hier auf dem Weingut besuchen. Er flicht das deutsche Wort „Menschlichkeit“ ein, wenn er von den alten Soldaten spricht.

Als Winzer war Shuki Yashuv im Elahtal ein Pionier. Als er vor zwanzig Jahren mit seiner Frau Evelyn und zwei Töchtern die Stadtwohnung in Jerusalem gegen das Fleckchen Land in den Judäischen Hügeln eintauschte, da warnten ihn die Leute: Die fressen dich da unten!

Das Tal galt trotz seiner biblischen Bedeutung lange Zeit als der unattraktive Hinterhof Israels, die kleine Siedlung Agur – vor deren Eingangsgatter Yashuv ein bescheidenes Häuschen hinstellte – als Abstellkammer für Juden aus dem Orient. Die Jüdische Einwanderungsbehörde hatte den Glaubensbrüdern aus dem Jemen und später dem Irak eines der seit 1948 verlassenen arabischen Dörfer zugewiesen. Bis heute stehen die „dunklen“ Misrachi-Juden im Schatten der „weißen“ Ashkenasi-Juden.

Und … wollten sie ihn nun fressen, den verschrobenen Ashkenasi aus Jerusalem? „Vorurteile sind falsch, böse – und unpraktisch“, sagt Yashuv knapp. Heute gilt das Elahtal als Israels Toskana, bei Ausgrabungen wurde eine riesige, 2000 Jahre alte jüdische Weinkelter gefunden, und vor ein paar Jahren auf einer Tonscherbe die älteste hebräische Inschrift der Geschichte. Längst haben sich andere Winzer hier niedergelassen und locken am Wochenende die Städter aus Tel Aviv oder Jerusalem zur Verkostung in ihre Boutique-Weingüter.

Auch die Agur Winery bietet samstags Weinproben an. Allerdings ohne den Winzer. Um seine Kunden zu schützen, hat Yashuv einen Verkäufer eingestellt – die Kratzer im Hirn …

Denn so charmant Shuki Yashuv ist, wenn man ihn reden lässt, so ruppig kann er werden, wenn man ihn unterbricht oder ihm gar Ratschläge erteilt. Das Problem sei, sagt Yashuv, dass es eine der Grundeigenschaften der israelischen Mentalität ist, Ratschläge geben zu wollen. „Wieso haben Israelis keinen Sex auf der Straße?“, witzelt er. „Weil ständig jemand stehenbleiben würde, um Tipps zu geben!“

Erst letzten Schabbat ist es wieder passiert. Dabei war er nur schnell zum Gläserspülen in die Laube gehuscht. Da wagte es einer der Gäste, die Verkostungsfolge der Weine in Frage zu stellen! „Ich habe ihm gesagt, er solle sich verpissen.“ Shuki Yashuv schafft es, zugleich reumütig und selbstgefällig zu wirken.

Ein wenig schizophren fiel auch die Entschuldigung aus, die er heute vor dem Frühstücksrosé in seinem winzigen Büro verfasst hat. Sie endet mit den spitzen Worten: „...und dann gibt es sogar Tage, an welchen ich den Pudding eine halbe Stunde vor dem Hauptgang esse und mich dabei über das Gesicht meiner Mutter im Himmel amüsiere…“

Yashuv seufzt. „Viele Israelis leiden unter Kriegstraumata, und sie sprechen nicht darüber, so wie deutsche Großeltern ihren Kindern nichts vom Krieg erzählt haben.“ Erst vor Kurzem habe er begonnen, seinen längst erwachsenen Töchtern zu erklären, was es mit seinen cholerischen Ausbrüchen auf sich habe.

Über das Reglement spricht er nicht gern. „Es sind Rituale, die sinnvoll sind – oder auch nicht .“

Man könnte meinen, der Winzer mit dem posttraumatischen Belastungssyndrom therapiere sich selbst. Doch wenn es um seinen Wein geht, sind Yashuv, dem Handwerker, die Hände gebunden. Der einzige, der den Wein der Agur Winery anfassen darf, bevor der Korken in den Hals gepfropft wird, ist sein Mitarbeiter Daniel: „Gutes Herz, gute Hände, guter Kopf“, sagt der Chef. Vor allem aber: Daniel ist im Gegensatz zu ihm selbst religiös und wahrt den Schabbat. Vor ein paar Jahren hat sich Yashuv nämlich wie die meisten israelischen Winzer dazu entschieden, nur noch koscheren Wein zu produzieren. Zu klein ist der israelische Markt, um auf die Gläubigen verzichten zu können. Selbst in hippen Restaurants in Tel Aviv, wo Schwein und Shrimps auf der Karte stehen, ist der Wein in der Regel koscher. Zumindest solange er aus Israel stammt. Und nicht nur ein „mediokrer Wein mit einem sexy französischen Namen ist“, wie Yashuv seinen Unmut über die „Provinzialität der Präferenzen“ seiner Landsleute ausdrückt.

Damit die Flaschen der Agur Winery das Koschersiegel auf den Etiketten tragen dürfen, gilt es einige Regeln einzuhalten: Kein Wein darf von einer Rebe stammen, die ihr viertes Jahr noch nicht erreicht hat, im siebten Jahr muss der Weingarten brachliegen, und ein Prozent des erzeugten Weins wird zeremoniell weggeschüttet, um an den Zehnt zu erinnern, der den Hohen Priestern einst abgegeben werden musste.

Gern spricht Shuki Yashuv nicht über das Reglement, das die Kultur seiner Vorväter seinem Lebenswerk überstülpt. „Es sind Rituale, die sinnvoll sind – oder auch nicht.“ Wieso er kein Aufhebens darum machen will, erklärt er anhand einer typischen Yashuv-Anekdote: Vor zehn Jahren war er zu einem Sommeliertraining in Washington eingeladen. Israelischer Wein war damals für die Amerikaner Neuland. Bei der anschließenden Diskussionsrunde fragte einer: „Aber wie bewahrt ihr das Aroma, wenn ihr den Wein kocht?“ Er bezog sich dabei auf die vor allem in der jüdischen Diaspora existierende Praxis, den Weine vor dem Abfüllen kurz zu erhitzen. Damit blieb dieser auf dem Etikett zusätzlich als „mewuschal“ deklarierte Wein selbst dann koscher, wenn er von Nichtjuden ausgeschenkt wurde.

Als Yashuv erklärte, dass ernstzunehmende israelische Weinmacher ihren koscheren Wein heutzutage keineswegs pasteurisieren, hieß es aus dem Publikum: „Doch, ihr Juden kocht den Wein!“ „Ihr Juden!“ Da brannte bei Yashuv eine Sicherung durch. Er antwortete: „Stimmt, und vor dem Pessachfest fangen wir katholische Kinder und mischen ihr Blut in unser Matzebrot.“ Sein amerikanisch-jüdischer Begleiter sei entsetzt gewesen. „Wir sind hier nicht in New York, die Leute glauben das!“

„Ihr Juden kocht doch den Wein.“ Da brannte bei Shuki eine Sicherung durch

Wer in Israel Wein auf internationalem Niveau erzeugt, muss sich aber nicht nur mit Judentum oder Antisemitismus auseinandersetzen. Sondern, wie bei allem, was in diesem winzigen Land passiert, auch mit dem Nahostkonflikt.

Vielen israelischen Winzern wird vorgeworfen, dass sie es mit den international anerkannten Landesgrenzen nicht so genau nehmen, sprich: Dass sie von der Besatzung des Westjordanlands profitieren, indem sie ihre Reben dort setzen. Oder zumindest Trauben aus Siedlungsland zukaufen, das einmal Palästinensern gehörte. Shuki Yashuv, der linke Kriegsveteran, achtet sogar im Supermarkt darauf, keine Produkte aus den Siedlungen zu kaufen. Er möchte nicht nur eine Insel im Wahnsinn sein, sondern in der Landwirtschaft, im Weinbau, die gute alten Grundidee eines „humanistischen“ Zionismus wiederentdeckt sehen.

„Die Leute hier haben vergessen, worauf sich der Staat gegründet hat! Unsere Wirtschaft hat sich zu einem bösartigen Dschungelkapitalismus entwickelt. Das hat nichts mehr mit unserer sozialistischen Vergangenheit zu tun.“ Als Shuki Yashuv vor fünf Jahren eine Reise durch Argentinien machte, ist ihm der Geschmack an den dortigen Weinen vergangen, weil er sah, wohin der Reichtum aus den Weinbergen floss. „Die Argentinier haben sich an Ausländer und an die Korruption verkauft!“

Yashuv rollt die Augen bei der Vorstellung, dass auch Israels Wirtschaft auf dem besten Wege in solche Zustände ist. „Unser größter Feind ist nicht der Terrorismus, nicht der Islam, und schon gar nicht die Palästinenser – sondern die Korruption!“

Auch deshalb beugt sich der Querdenker den religiösen Regeln: „Ich habe beschlossen, ein Anti-Snob zu sein. So sehr ich die ultraorthodoxe, rechte Politik hasse, will ich, dass mein Wein keine weitere Kluft reißt, sondern eine Brücke schlägt.“

Ob ich Moby Dick gelesen habe? Er, Shuki, sei Kapitän Ahab. Der Waljäger, dem der weiße Wal ein Bein abriss. Er verschränkt die Hände, mit denen er den Wein nicht anfassen darf, auf dem Rücken und dreht eine Pirouette. „Ich bin immer noch der Kapitän auf diesem Schiff.“

Agnes Fazekas lebt seit dem Studium der Ethnologie und Neueren deutschen Literatur in Israel. Für enos berichtete sie aus der palästinensischen West Bank und aus Südafrika.