Gesichter des Weins in Deutschland (Teil 1)

mit Texten von Felix Bodmann, Markus Budai, Felix Eschenauer, Uwe Kauss, André Liebe, Carsten M. Stammen und Eckhard Supp
Fotos von Andreas Durst und Eckhard Supp

 

Ihre Namen, ihre Weine kennt man, aber die Gesichter hinter diesen Weinen, die Protagonisten, die dem deutschen Weinbau und Weinhandel ein menschliches Antlitz verleihen, sind vielen unbekannt. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Menschen der Weinbranche in Deutschland einmal in Bild und Text vorzustellen. Früher hätte man in einer solchen Zusammenstellung Erwein Graf Matuschka-Greifenclau vom Rheingauer Schloss Vollrads nennen müssen, der als unermüdlicher Botscha¨er des deutschen Weinbaus in vielen Ländern Anerkennung genoss. Auch der verstorbene Weinkritiker Mario Scheuermann, einer der Initiatoren der Definition großer Lagen in Deutschland, hätte mit Sicherheit seinen Platz gefunden, ebenso der ehemalige Chef der deutschen Weinhandelsgruppe Hawesko, Alexander Margaritoff.
Aber dann wäre die Auswahl der hier gezeichneten Portraits zu einer fast unmöglichen Aufgabe geworden. Wo hätten wir die Grenze gezogen? Zur Jahrtausendwende? Im 20. Jahrhundert? Noch früher? Oder doch später? Um einer willkürlichen Entscheidung aus dem Wege zu gehen, entschieden wir uns, in dieser Serie nur lebende Vertreter des Weins in Deutschland vorzustellen, und machten dazu schon vor einiger Zeit eine Umfrage in den sozialen Medien sowie bei Weinjournalisten aus aller Herren Ländern.
Klar, in den Antworten fanden sich vor allem die „üblichen Verdächtigen“: Egon Müller, Manfred Prüm, Ernst Loosen, Wilhelm Weil, Klaus-Peter Keller, und, und, und ... Aber, und das war das Echo, das wir vor allem aus dem Ausland bekamen, auch andere Namen haben das Bild des deutschen Weins geprägt. Peter Winter etwa, der schon vor Jahrzehnten deutsche Weine per Direktverkauf in der ganzen Welt vertrieb. Oder Monika Christmann, die in den letzten Jahren als Chefin der Internationalen Weinorganisation in Paris fungierte und damit von vielen als eine der mächtigsten Frauen der Weinwelt überhaupt betrachtet wurde.
Letztlich kristallisierten sich dann etwa 50 Namen heraus, von denen wir überzeugt sind, dass sie wirklich als Repräsentanten der Weinbranche gelten können. Unter ihnen Menschen, die, wie der aktuelle Mehrheitseigner des Handelsriesen Hawesko, Detlev Meyer, nur selten oder gar nicht die Öffentlichkeit suchen, sowie solche, deren Weine zwar schon seit längerem zur Spitze gehören, die aber medial deutlich leiser daherkommen als manch anderer ihrer Kollegen. Hier sind die ersten beiden Dutzend Namen.

Reinhard Löwenstein aus Winningen an der Mosel gilt vielen in der Szene als der Philosoph unter Deutschlands Winzern; für andere dagegen ist er eher das „enfant terrible“. Seinen Kellerneubau hat er mit einem Gedicht Pablo Nerudas verziert, und ihm in Diskussionen etwa über das Konzept „Terroir“ zu folgen, ist noch anspruchsvoller, als seine eigenwilligen, nicht wirklich mainstreamigen Rieslinge der Spitzenlagen Uhlen und Röttgen zu genießen. Wahrscheinlich braucht es ab und an der versammelten Anstrengung von Ehefrau Cornelia und Tochter Sarah, um ihn am theoretischen Abheben zu hindern. Richtig stolz wird Löwenstein übrigens, wenn er seine eigenhändig gemauerten Terrassen im Röttgen präsentieren kann.

Großes Selbstbewusstsein kann zum Problem werden. Im Zaum hält man es mit Leidenschaft bis hin zur Besessenheit für ein Thema, bei dem die Perfektion quasi unerreichbar ist. Willkommen in der Welt von Markus Molitor! Nicht dass der Wehlener Winzer keine perfekten Weine machen würde – 100-Punkte-Auszeichnungen heimst er regelmäßig ein. Jedoch hat er sich dem von vielen verpönten Prädikatssystem verschrieben. Er keltert trockene und süße Kabinette, Spät- und Auslesen mit und ohne Sterne und liebt dabei jede einzelne seiner vielen Spitzenlagen an Mittelmosel und Saar. Deshalb umfasst sein Sortiment regelmäßig 60 Etiketten. Klar, dass der Perfektionist Molitor da immer wieder Weine findet, an denen man beim nächsten Jahrgang noch etwas verbessern könnte.

Rechtsanwalt ist Steffen Christmann aus Gimmeldingen eigentlich, aber auch biodynamisch arbeitender Winzer, Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), Vater von vier Kindern, Kommunalpolitiker, Synodaler der evangelischen Landeskirche, Mitglied des Johanniterordens und Chef des örtlichen Weinbauvereins. Christmann fühlt wie ein Winzer, denkt aber strukturiert wie ein Jurist. Auch beim Wein, und nicht zufällig gilt er deshalb als Fachmann für Weinrecht. Herkunft ist nicht nur der Kern der von Christmann weiterentwickelten VDP-Klassifikation, sondern auch sein persönliches Gravitationssystem und der gemeinsame Nenner
seiner Weine – pure Pfalz.

Der wahrscheinlich beliebteste Moderator des deutschen Fernsehens hat sich nicht, wie andere Promis, einfach mal ein Weingut gekauft, weil es gerade „in“ war, sondern mit dem Kanzemer Saarweingut von Othegraven einen Besitz aus der eigenen Verwandtschaft übernommen, der zerschlagen zu werden drohte. Obwohl Günther Jauch schon als Kind häufig auf von Othegraven zu Besuch war, gibt er sich bescheiden: Vom Wein verstehe er nicht wirklich viel, und die eigentliche Expertin sei seine Frau Thea. Im Gespräch lässt der meist tiefenentspannt wirkende TV-Star allerdings sehr wohl erkennen, dass er als gewiefter Geschäftsmann weiß, wohin er mit seinem Besitz steuert und wie er seine Ziele erreichen kann.

Als Chef einer der größten Kellereien Europas muss man nicht aus einer Winzerfamilie stammen. Peter Schuster, Vorstand des Badischen Winzerkellers in Breisach am Kaiserstuhl jedenfalls kommt aus der Lebensmittelbranche, nicht aus dem Weinbau. Große Zahlen dürfte er deshalb, als er den Job in der Gebietswinzergenossenschaft antrat, ebenso gewohnt gewesen sein wie die riesigen Dimensionen der Gär- und Lagertanks „seiner“ Kellerei. Obwohl der Job eher was von der Widerspenstigen Zähmung hat – rechts der Weinbau mit seinen Zickigkeiten, links der Handel mit seinen Daumenschrauben –, hat Schuster sich eine gute Portion Humor bewahrt. Und – auch wenn es manchem Weinsnob schwer fällt, es anzuerkennen – sein Keller bringt sogar manch richtig guten Wein in den Handel.

We are family“ können die Ellwangers aus Weinstadt-Großheppach im Remstal mit Sister Sledge oder den Spice Girls singen. Das umso mehr, als seit einigen Jahren nicht nur Vater Bernhard und seine Frau Ingrid, sondern auch die Kinder Yvonne und Sven sowie dessen Frau Melanie zusammen den Betrieb führen. Damit steht das Weingut Ellwanger stellvertretend für unzählige Familienbetriebe, die den deutschen Weinbau prägen. Klar deshalb auch, dass alle mit auf das Gruppenportrait müssen, für das sie fast schon professionell posieren. Schon immer als Erzeuger solider Qualitäten bekannt, ist der Stern der Familie vor allem dank einer Palette sehr guter Rieslinge im letzten Jahrzehnt richtig aufgegangen.

Hendrik Thomas großes Vorbild ist der Amerikaner Gary Vaynerchuck, der amerikanische Marketing-Guru und Weinhändler, der mit seinem Videoblog den Boom des Weinhandels in den sozialen Medien auslöste. Thoma, einst als Master-Sommelier im Restaurant des renommierten Hamburger Hotels Louis C. Jacob tätig und einem breiteren Publikum durch verschiedene TV-Kochsendungen bekannt, betreibt heute einen Online-Weinhandel sowie den Videoblog „Wein am Limit“, in dem er Persönlichkeiten der Weinbranche zu Wort kommen lässt. Sein Fokus als Weinhändler liegt auf außergewöhnlichen, handverlesenen Abfüllungen.

Wenn es heutzutage einen weltweit anerkannten Botschafter des deutschen Rieslings gibt, dann ist dies der Moselaner Ernst F. Loosen. Als Winzer und Weltbürger kann man ihn heute in Oregon oder Washington treffen, wo er ebenfalls Wein macht, morgen in Shanghai und übermorgen in Paris. Als Loosen 1988 das Weingut seiner Familie übernahm, wollte niemand Moselwein. „Lecker Möselchen“, wie er seine Weine mit einer Mischung aus Lebensfreude und Augenzwinkern ankündigt, hatte in Deutschland einen üblen Ruf. Als zuckersüße „Omaweine“ waren selbst Rieslinge aus den besten Steillagen verschrien. Dass ein Kabinett heute wieder etwas gilt, das ist nicht zuletzt Loosen und seinem unermüdlichen Einsatz rund um den Globus zu verdanken ....

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