Falsch abgebogen – Viel Positives fürs Negative

Eine Rezension von Eckhard Supp

letzte korrigierte Fassung vom 21.12.25

Der Name Karl Heinz Haag (1924-2011) dürfte selbst unter Adepten der deutschen Philosophie des 20. Jahrhunderts keiner sein, mit dem man spontan sehr viel verbinden kann. Das mag zumindest teilweise daran liegen, dass der im Frankfurter Stadteil Höchst geborene Haag, ein Vertreter der zweiten Generation „kritischer Theoretiker“ der Frankfurter Schule (mit Alfred Schmidt [1931-2012] und Jürgen Habermas, während etwa Hans-Jürgen Krahl [1943-1970] oder Helmut Reinicke [1941-2018] bereits eine dritte Generation repräsentierten), der als Nachfolger Theodor W. Adornos (1903-1969) auf dessen Lehrstuhl am Institut für Sozialforschung der J. W. Goethe-Universität gehandelt wurde, sich 1971 aus freien Stücken aus dem akademischen Betrieb zurückzog und fortan seine philosophische Arbeit als Privatgelehrter im heimatlichen Höchst fortführte.

Erstaunlich, vor allem im Lichte dieser Entscheidung, dass kürzlich, mehr als fünf Jahrzehnte nach diesem Rückzug und knapp 16 Jahre nach dem Tod des Philosophen, eine dem Höchster „Eremiten“ gewidmete Essay-Sammlung erschienen ist. „Kritische Theorie als Metaphysik: Karl Heinz Haag – Studien und Kommentare“ lautet der Titel der Festschrift, die von dem Frankfurter Autor und einstigen IG-Metall-Sekretär Peter Kern herausgegeben wurde. Sie versammelt neben bisher unveröffentlichten Papieren von Haag selbst die Vorträge eines vor Jahresfrist abgehaltenen Symposiums zum 100. Geburtstag Haags, verfasst vom Herausgeber selbst, von Günther Mensching, Friderun Fein, Stephan Herzberg, Theo Kobusch, Wolfgang Bock, Mathias Jehn, Hermann Kocyba, André Möller und Nils Richber – recht unterschiedlichen Autoren also.

Eigentlich, diese persönliche Anmerkung sei mir erlaubt, hätte mir die Beschäftigung mit einem Autor, der „innerakademisch“, so Herausgeber Kern, nicht „auf Wirkung bedacht war“ (S. 7)[1], sympathisch sein müssen, da ich mich selbst im Grunde schon vor meiner absolvierten Promotion innerlich von einer „akademischen Lebensplanung“ verabschiedet hatte. Allerdings hatte das bei mir mehr mit Lebens-, sprich Abenteuerlust als mit der Suche nach einem stillen Kämmerlein für ungestörtes Philosophieren zu tun. Und so musste ich beim (teilweise) erneuten Lesen Haags – soviel gleich zu Anfang als Warnung an alle, die sich mit dessen Œuvre auseinandersetzen möchten – auch erst einmal feststellen, dass sein von Kern kolportierter Anspruch, „unakademisch“ und möglichst verständlich zu schreiben[2], angesichts der recht anspruchsvollen Diktion etwa des oft als sein Hauptwerk zitierten „Der Fortschritt der Philosophie“ wohl weitgehend scheiterte, so dieser behauptete Anspruch überhaupt wirklich ein Haagscher war.

Umso mehr, das ebenfalls gleich vorweg, bedauerte ich beim Lesen der Festschrift das Fehlen einer wirklich in die Tiefe gehenden kritischen Auseinandersetzung und Diskussion, zumal die Darstellung leider häufig genauso philosophieimmanent bleibt, wie die Haagschen Schriften selbst, und auf erkenntnistheoretische Fragestellungen, wie sie etwa zeitgenössische Neurowissenschaften oder theoretische Physik aufwerfen, nicht oder zumindest nicht ausreichend eingeht. Dass unter den Autoren ausgesprochene Haag-Kritiker wie Hendrik Wallat[3] oder auch Bodo Gaßmann[4] gar nicht erst auftauchen, ist deshalb wohl kein Zufall, und gereicht dem Band nicht zur Ehre.

Die Schwierigkeiten werden noch dadurch akzentuiert, dass einige der Beiträge nur wenige Quellenangaben und direkte Zitate liefern, und es gelegentlich schwierig zu entscheiden ist, was denn nun wirklich Haag selbst zuzuschreiben ist, und was auf das Konto der Autoren der Festschrift und ihre Interpretationen geht. Das Gefühl, nicht alles auf Anhieb immer klar zuordnen zu können, hatte ich übrigens auch bei der Lektüre von Haags „Der Fortschritt der Philosophie“, im Verlauf derer ich Textstellen oft mehrfach lesen musste, um (hoffentlich) verstehen zu können, was Haag und was Platon, was Thomas von Aquin, was Kant und was wem auch immer zuzuschreiben war.

Von wegen „leichtverständlich“ und „unakademisch“, aber vielleicht ist das ja der Preis, der zu zahlen ist, wenn man sich weitgehend von der akademischen (und politischen?) Welt abkapselt, wenn man sich, wie Andreas Kafitz in seiner Rezension der Festschrift [5] Haags Freund Hubert Fein zitiert, „die Ruhe zum Denken und Schreiben“ erkaufen will – als Lebensentwurf immer ein gewagtes, vielleicht gar sinnloses Vorhaben, wenn man es mit „unruhigen“ Inhalten und Gedanken in ebenso unruhigen Zeiten wie den 1968er Jahren zu tun hat.

Dabei könnte eine Haag-Diskussion wirklich spannend sein. Stoff gäbe es genug: seine Betrachtungen über die Naturgesetze etwa, die über negative Metaphysik (oder doch negative Theologie, die dem Philosophen-Kardinal Nikolaus von Kues alias Cusanus (1401-1464) überraschende Erkenntnisse ermöglichte?), über den Universalienstreit bzw. den Nominalismus, über Wesen und Erscheinung, über das Ding an sich, über Fortschritt und Teleologie oder last but not least auch über die Notwendigkeit einer allmächtigen Vernunft, Haags Version eines Gottesbeweises, mit der sich die erwähnten Gaßmann und Wallat kritisch auseinandergesetzt haben.

Ein Vertreter der Kritischen Theorie mit „eigenem“ Gottesbeweis? Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Und doch, schreibt seine langjährige Freundin Friderun Fein,: „… verstand (Haag) seine Bücher … als um das Göttliche kreisendes Gebet. Doch, in die Kirche ging er. Nicht wegen deren Rituale, die er als ‚Zauberwerk‘ ansah, doch sollte die Notwendigkeit von Metaphysik bezeugt werden, die innerste Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz, …“ (S. 41) So weit (fast) nichts, was den Höchster von unzähligen Philosophen oder ebenso vielen, auch berühmten Naturwissenschaftlern unterschieden hätte. Allein, Haag blieb beim Glauben, beim subjektiven, persönlichen Glaubensbekenntnis nicht stehen – ganz Philosoph musste er beweisen, dass sein Glaube – nach Hermann Kocyba ein „rationaler Glaube“ (S. 135) – einen „vernünftigen“, sozusagen objektiven oder objektivierbaren Grund hat. Dass er wahr, nicht unwahr ist. Ein Versuch, der m. E. nur schiefgehen konnte.

Logisch glauben

Haag führt seinen „Beweis“ sogar zweispurig: logisch – oder vielleicht müsste es ehrlicherweise pseudo-logisch heißen – und moralisch, beide Versionen allerdings nicht positiv angelegt oder, wie Kocyba schreibt, nicht als „Tatsachenbeweis“ (S. 153), sondern „ex negativo“ geführt. Die „logische“ Beweisführung Haags schließt an die Feststellung von Gesetz- oder zumindest Regelmäßigkeiten in der Natur an, einer naturgesetzlichen Ratio, die sich nicht in einer inneren Logik der materiellen Dingen selbst erschöpft, und die Haag aus der Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin (1225-1274) und dem Nominalismus destilliert.

„Die Einheit und Konkordanz der Naturerscheinungen“, schreibt Günther Mensching ganz in diesem Sinne, „sowie die Konstanz ihrer Gesetze werden in der Wissenschaft stillschweigend vorausgesetzt, obwohl gerade der Grund hierfür ein Problem darstellt, das sich dem Denken mit Notwendigkeit stellt, ebenso wie die Frage der Weltgenese.“ (S. 18) Das allerdings mutet in einer Zeit, in der „die Wissenschaft“ die Existenz unterschiedlicher, wenn nicht gar antagonistischer Naturgesetze für die Makro- und die Mikrowelt diskutiert, in der über Multiversen theoretisiert wird und vor allem über jede Menge Phänomene, die keinen Naturgesetzlichkeiten unterworfen scheinen, wie etwa das Zufallsprinzip beim Atomzerfall, doch sehr gewagt an. War die göttliche Vernunft bei der Entstehung all dieser „konstanten Gesetze“ etwa gerade in Urlaub?

Haag lehnt wohl, glaubt man Friderun Fein, das „Zauberwerk“ kirchlicher Rituale ab, ersetzt es aber offenbar nur durch sein eigenes, das wirkt, wie ein kleiner Taschenspielertrick: Wenn es, wie postuliert, eine Gesetzmäßigkeit, eine universelle „ratio“ gibt, die nicht in den Naturdingen selbst festgemacht werden kann, muss es außerhalb von ihnen eine göttliche Vernunft geben – fertig ist der kleine Etikettenschwindel, der eine „negative Metaphysik versprach, aber nur theologische Glaubenssätze lieferte. Aus der Tatsache, dass wir keine wirklich vernünftige und allgemein akzeptierte – man denke auch an die vielen außereuropäischen Kulturen – Erklärung für die Genese und die Existenz von Naturphänomenen und ihren Gesetzlichkeiten haben, wird, Phantasie, Phantasie!, aufgelöst in göttliche Vernunft. Wie Haag-Proselyt Kern es formuliert: „Die ‚allmächtige Vernunft‘, die wir denken müssen, weil wir die Selbstorganisation der Natur nach dem Prinzip des Zufalls nicht widerspruchsfrei denken können, ist konstitutiv für die Zuordnung der stofflichen Elemente und der Naturgesetze.“, um gleich anschließend Haag zu zitieren: „Kosmisches Geschehen gibt es nur bei Kohärenz seines stofflichen Substrats mit seiner Gesetzlichkeit“, schreibt der, .“… und beides sei „nur verstehbar im Rekurs auf eine göttliche Intelligenz.“ (S. 91)

Nur verstehbar? Aha! Weil wir uns die Genese und das Funktionieren der Welt nicht letztlich und schlüssig – kausal? – erklären können, nicht genügend Phantasie besitzen, um neben dem „Lieben Gott“ an andere Möglichkeiten zu denken, bis hin zur eventuellen Unfähigkeit des menschlichen Gehirns, sich bestimmte Abstrakta mit „Unendlichkeitscharakter“ vorzustellen, obwohl oder besser, gerade weil unser Gehirn diese Abstrakta wie Konkreta zu verarbeiten versucht. Weil wir dazu nicht fähig oder nicht willens sind, muss es „notwendigerweise“ eine „göttliche Vernunft“ geben? Arme Philosophie! Oder besser: arme europäisch-abendländische Hybris!

Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, heißt es im jüdisch-alttestamentarischen Ersten Buch Mose (Genesis), aber nur umgekehrt wird daraus wirklich ein Schuh. Der Haagsche „Beweis“ hingegen hat wenig mit rationaler Beweisführung zu tun, sondern ähnelt eher dem Ausschlussverfahren in Multiple-Choice-Rätseln mit eingeschränkten Antwortmöglichkeiten – wenn „a“ nicht richtig sein kann, muss es zwangsläufig und notwendigerweise „b“ sein. Eine Argumentation, die sich wohl auf Thomas von Aquin zurückführen lässt, wenn man Stephan Herzberg folgt: „Die substantiellen Wesensformen gründen letztlich im Intellekt Gottes, der sie erdacht hat.“ (S. 63) Wobei Herzberg immerhin anmerkt: „Haag macht zu Recht bei Thomas (von Aquin, E. S.) darauf aufmerksam, dass aus der Fundierung des Geschaffenen im göttlichen Intellekt nicht nur die ‚Wahrheit der Dinge‘, also ihre Intelligibilität folgt, sondern auch deren Unergründlichkeit.“ (S. 64 ff.), eine Bemerkung, die an das „Nichtwissbare“ bei Cusanus erinnert.[6]

Kein Wunder, dass sich Haag-Kritiker wie die bereits erwähnten Gaßmann und Wallat mit Verve auf diese Beweisführung stürzen. „… aus dem Hut der Negation des rein Negativen gezauberter Logos-Gott“[7] formuliert auch Wallat seine, meinen eigenen ähnliche Bedenken und Gaßmann sekundiert: „Der Schluss von einem unbekannten intelligiblen Substrat auf einen real existierenden Gott als ‚allmächtiger Vernunft‘ ist nicht nur ein Fehlschluss, sondern aufgrund des Widerspruchs zum Grundgedanken der Haagschen negativen Metaphysik sogar ein Trugschluss. Er verfällt nicht nur der Kritik am kosmologischen Gottesbeweis, der einen Begriff von Gott, den er beweisen will, immer schon voraussetzt, sondern schließt von einem Unbekannten auf ein Bekanntes, das dadurch irrational begründet ist … Selbst wenn man das intelligible Substrat in Analogie zum menschlichen Geist annehmen muss, so ist dieses negativ bestimmbare intelligible Substrat doch kein Subjekt … Unterstellt man wie Haag eine ‚allmächtige Vernunft, die konstitutiv ist für die Auswahl und Koordination der Gesetze‘ …, dann wird wieder eine allgemeine Teleologie unterstellt, die eine notwendige Entwicklung der Realität behauptet ....“[8]

Allein! Obwohl die Kritik am Haagschen Gottesbeweis, seinem ‚rationalen Glauben‘, ergo dem am offensichtlichsten Kritik einfordernden Punkt seiner „Kritischen Theorie als negative Metaphysik“ und in deren Fehlschlüssen und Aprioris am leichtesten angreifbare ist, versteht sich die Mehrheit der Festschrift-Autoren, Herausgeber Kern allen voran, ohne nennenswerte Einschränkung bemüßigt, Haags Thesen kopfnickend zu akzeptieren. Wolfgang Bock verschiebt zu diesem Zweck gleich das gesamte argumentative Koordinatensystem, indem er nicht mehr fragt, wie diese merkwürdige „ratio“ kosmischer Gesetzlichkeiten, vulgo diese Naturgesetzlichkeit zu erklären ist, sondern gleich mit einem theologischen Apriori startet. „Eine Theologie,“ schreibt er, „die vor kritischem Denken bestehen will, braucht eine rationale Grundlage. Zumindest eines muss für sie gewiss sein: dass es einen Gott gibt.“ – was wohl heißen soll, zuerst glauben wir an Gott, dann fangen wir an nachzudenken! Um dann weise fortzufahren: „Diese Gewissheit ist erreichbar – in logischer Strenge jedoch nur auf dem steilen Pfad zu der physikalisches Wissen konzentrierenden Erkenntnis, dass kosmische Prozesse ein gestaltendes Prinzip voraussetzen: eine allmächtige Vernunft die konstitutiv ist fur die Auswahl und Koordination der Gesetze, die in jenen Prozessen wirksam sind.“ (S. 120) Was bei diesem Apriori noch logische Strenge ausstrahlen soll, muss das Geheimnis des Autors bleiben.

Diese so genannte Logik fällt weit hinter die kritische Theorie zurück, wie Wallat anmerkt. Letztere „… wird … auf die Aktvierung eines Argumentationsstranges von Haag gesetzt, der äußerst fragwürdig ist und der hinter die Einsichten der Klassischen Kritischen Theorie zurückfällt …“[9], was in deutlichem Kontrast zur Angabe steht, Haags Theorie stelle eine legitime, wenn nicht gleich DIE Fortführung der Arbeiten der Frankfurter Schule dar –, was man auch aus Gerhard Schweppenhäusers Bemerkung herauslesen könnte, Haag zeige in Anknüpfung an Adorno, „… dass eine negative Metaphysik unerlässlich sei …“[10], was vielleicht auch auf einem zweideutigen Verhältnis Adornos zur Metaphysik fußt, der er auch eine herrschaftskritische Seite einräumt. Aber das soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein.

Moralpredigt

Ich hatte gesagt, dass es zwei Stränge der Haagschen Gottesfindung gebe – der zweite sei ein moralischer. Entpuppte sich der erste, der „logische“ Strang letztlich als kleiner Etikettenschwindel, so könnte man den moralischen mit Fug und Recht auch als ziemliche Unverschämtheit bezeichnen. Ohne das metaphysische (oder göttliche) Absolute sei keine Humanität möglich, referiert Kern den Höchster Philosophen (S. 88), und ergänzt, „… was humanem Handeln der Menschen einen Sinn gibt: das Bewusstsein von der Existenz eines Absoluten.“ (S. 95) In derselben Richtung argumentiert auch ein Haag-Zitat, das sich bei Wallat findet: „Ohne die Annahme einer Gottheit wäre die christliche Heilsbotschaft eine ästhetische Veranstaltung: die Verheißung leiblicher Auferstehung keine Hoffung … Ohne Metaphysik – die Rückbeziehung aller Individuen auf ihren transzendenten Ursprung – keine Solidarität.“[11] Wobei festzuhalten ist, dass Haag da unwillentlich sogar richtig feststellt, wenn „… es Gott nicht gäbe, wäre der Tod das Absolute“, eine Aussage, der man zumindest aus der Perspektive des individuellen Subjekts nur zustimmen kann. Der Tod IST in dieser Sicht tatsächlich das Absolute nämlich Endlichkeit generierende – er wäre es nicht nur vielleicht, auch wenn das anzuerkennen vielen schwerfällt.

Dass ich im Rahmen meiner vielen Reisen unzählige, ohne Abstriche humane und solidarische Menschen kennengelernt habe, die weder an einen Gott, noch an das Absolute glaubten, sei nur am Rande erwähnt. Viel schwerer wiegt m. E., dass Haag sich zu einer Zeit, als die Kritik am eurozentristischen Denken[12] bereits vielerseits formuliert wurde, immer noch am letzlich, d. h. in der Konfrontation mit außereuropäischen Gesellschaften kolonialistischen Konzept eines universellen Monotheismus festhielt. Das ist dann die Kehrseite des Haagschen Rückzugs aus der unruhigen Welt.

Im Zuge dieser moralischen Argumentation – als „Gottesbeweis“ nur schwerlich zu akzeptieren, allenfalls als Moralkeule im Stil eines kirchlichen „Wenn ihr nicht glaubt, dann seid ihr des Teufels“ – versteigen sich Haags Verteidiger dann auch nicht zufällig zum zeitgeschichtlich aktualisierten Rundumschlag. Wie es Matthias Schulze-Böing in seiner Rezension „Keine Angst vor Metaphysik!“ skizziert: „An diesen widerständigen Charakter des Denkens von Karl Heinz Haag knüpft Herausgeber Peter Kern in seinem Beitrag an, der in einem kühnen Sprung eine Restituierung der Religion als Medium von Kritik und Widerstand in den ökologischen Katastrophen der Gegenwart ins Auge fasst. Die Religion lehre gewissermaßen den Respekt einem Anderen des menschlichen Denkens und Handelns gegenüber, der ein neues Bewusstsein für Gefährung der Natur als Grundlage der menschlichen Existenz fördern könne.“[13] Was man wohl, diese bescheidene Kritik sei erlaubt, nur in vollständiger Unkenntnis langer, unmenschlicher Perioden der Geschichte zumindest monotheistischer Religionen schreiben kann – in vollständiger Unkenntnis jener ökologischen und nicht-ökologischen Katastrophen in dieser Geschichte, bei denen kirchliche Organisationen und Sekten kräftig mitmischten und noch mitmischen.

Auch wenn, wie gesehen, Haag seine Metaphysik in Theologie, das Absolute in einen allmächtigen Gott metamorphisieren lässt, geht er nicht so weit, dann auch von negativer Theologie zu sprechen, wie es der mittelalterliche Neuplatoniker und so genannte „Kirchenvater“ Augustinus (354–430) wie auch der erwähnte Cusanus taten. Letzterer, der in bestimmten Fragen seiner Zeit weit voraus war – er nahm schon anderthalb Jahrhunderte vor Galileo Galilei (1564-1642) dessen berühmtes „Und sie bewegt sich doch!“ vorweg – folgte Augustin in dessen Idee einer „negativen  Theologie“: Der galt, wie ich an anderer Stelle schrieb, „jegliche positive (nicht wertend gemeint, eher im Sinne von „bestimmte Eigenschaften betreffend“) Aussage über Gott bzw. das Erste und Eine der Metaphysik … als unzulänglich und irreführend. Denk- und sagbar war danach nur, was Gott/das Eine nicht war, nicht aber, was er/es konkret war. In gewisser Weise nahmen die Neuplatoniker damit vorweg, was Hegel Jahrhunderte später in seiner Wissenschaft der Logik mit der Definition des ‚Seins‘ ausführte: das Sein als das Abstrakte, Bestimmungs- bzw. Eigenschaftslose schlechthin, das in dieser Bestimmungslosigkeit zusammenfällt mit dem Nichts.“[14]

Negative Aporien

Trotz ins Auge fallender Namensähnlichkeit – und schließlich ist Theologie mit ihrer Suche nach dem Ersten, dem Absoluten ja auch Metaphysik – wäre es falsch, negative Metaphysik und negative Theologie gleichzusetzen. Im Unterschied zur „positiven“, der affirmativen Metaphysik geht die negative davon aus, dass es nicht möglich sei, das „Ansichsein der Dinge in Form eines absoluten Wissens inhaltlich (zu) bestimmen und anderes aus diesem Wissen deduktiv herleiten oder erklaren zu können, d. h. einen positiven Schritt ins Metaphysische zu tun“, wie es Herzberg (S. 59 f.) formuliert, um fortzufahren, „… dass sie (die affirmative Metaphysik, E. S.) nichts anderes als die abstrakte Imitation der Einzeldinge fur deren ontologisches Wesen hält“, ein Punkt, den Haag laut Herzberg bis auf Platon zurückführt „So tat Platon in seiner Ideenmetaphysik nach Haag nichts anderes, als das Gemeinsame der Einzeldinge (gedacht als Gattungen und Arten) zu ihrem konstitutiven Wesen zu hypostasieren …“ (S. 61), ein Gedanke, an den anzuknüpfen interesssant gewesen wäre, aber dazu später noch mehr.

Für die negative Theologie galt Gott als „… das in letzter Konsequenz Nicht-Wissbare … also (als reines) Gedankenkonstrukt, das sich der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung und Kognition entzieht, das (nur) dem zu abstraktem Denken fähigen Geist zugänglich ist.“[15] In Haags negativer Metaphysik dagegen ist Gott als allmächtiges (schöpferisches, phantasiebegabtes etc.)  – also zumindest in dieser Hinsicht ganz und gar nicht bestimmungsloses, nicht nur negativ bestimmtes – Subjekt quasi ein Konkretum, kein abstraktes Konstrukt mehr und als solches der Kognition, zu der ja auch die Phantasie gehört, zugänglich. Und das gilt, obwohl Haag selbst – so jedenfalls wird er von Herzberg zitiert, richtig festhält: „Der konstituierende Grund ontischer Gebilde ist von anderer Struktur als der ihnen übergestülpte Allgemeinbegriff. Die Gegenstände sinnlicher Wahrnehmung werden im Prozess fortschreitender Abstraktion von ihren individuellen und spezifischen Bestimmungen nicht zu Prinzipien ihres konkreten Seins.“(S. 62). Aporien, wohin man schaut, aber diese ist vermutlich die unlösbarste aus dem Haagschenn Repertoire. Die Negativität entuppt sich als Phantom. Worin dann wirklich der Unterschied zwischen affirmativer und negativer Metaphysik liegt, wenn letztere doch wieder auf ein sehr konkretes, intelligentes Subjekt herausläuft? Fragen Sie Karl Heinz Haag!

Auch hier gibt es im Denken Haags und seiner Verteidiger eine moralische Komponente. Die artikuliert Wolfgang Bock, wo er in einem raschen Schlenker negative Metaphysik und kritisches Denken als eng verbundenes Bruderpaar zeichnet. Wo Haag auf der negativen Metaphysik beharre, schreibt Bock, stelle er auch fest, dass „‚ähnlich wie Metaphysik … für kritisches Denken auch Theologie nur in negativer Form möglich (ist).“ (S. 120) Und weiter: „Eine Theologie, die vor kritischem Denken bestehen will, braucht eine rationale Grundlage.“ Um dann mit Haag zu schlussfolgern: „Zumindest eines muss für sie gewiss sein: dass es einen Gott gibt.“ (ebda.) Kritisches Denken (nur) auf der (apriorischen) Grundlage des Glaubens?

Nun wäre es allerdings vermessen, Haag aller (geistigen) Übel dieser Welt beschuldigen zu wollen. In seiner Auseinandersetzung mit dem Universalienstreit und der traditionellen Metaphysik spricht er Probleme an, die durchaus diskussionswürdig wären, verbaute er sich nicht immer wieder selbst durch seine religiösen Aprioris den Weg zu einer solchen kritischen Diskussion. Solcherart Diskussionswürdiges findet sich vor allem dort, wo er, wie Mensching konstatiert, die „… Aporien in der traditionellen Philosophie, wie das (die?, E. S.) von Wesen und Erscheinung …“ (S. 13) anspricht und festhält, dass positiv „… bestimmbar an stofflichen Dingen …  einzig ihr funktionales Verhalten (ist) – aber nicht das, worin sie ontologisch gründen“[16], was aber, anders als Haag vermutet, die Frage nach Wesen und Erscheinen nicht nur vom Positiven ins Negative auflöst, sondern gleich gänzlich in Frage stellt, wie Haag es auch andeutet, wenn er bei Aristoteles von der „… alte(n) Tautologie von Wesen und Erscheinung“[17] spricht.

Fragt sich an dieser Stelle, was das Wesen eines stofflichen Dings – im Unterschied zu abstrakten, auch sozialen Tatbeständen – sein soll. Wenn man das Wesen eines Abstraktums wie Demokratie (die Macht geht vom Volke aus), Musik (Tonfolgen, die Emotionen auslösen) oder Glaube (Überzeugtsein von nicht bewiesenen oder beweisbaren Phänomenen) bestimmen will, so werden sich mit kleinen definitorischen Differenzen die meisten auf ähnlliche oder gar identische Bestimmungen einigen können. Geht es aber um Konkreta, stoffliche Einzelheiten wie ein Pferd, dann wird es schon schwieriger. Ist es das Wesen des Pferdes, ein Vierbeiner zu sein? Oder ein Säugetier? Ein Unpaarhufer oder ganz allgemein ein Lebewesen? Oder besteht das Wesen aus dem, was das Pferd kann, Karren ziehen, Reiter tragen, über Hindernisse springen?

Man gelangt hier schnell zu einer Vielzahl möglicher Wesensbestimmungen, was sich in den Möglichkeiten widerspiegelt, den Begriff Wesen selbst zu definieren bzw. zu konnotieren. Ist Wesen das Gemeinsame, Allgemeine unterschiedlicher Einzelheiten? Ist es eine Funktionsbestimmung der Art, dass ein Hammer sein Wesen im Hämmern hat? Ist es die abstrakte begriffliche Imitation einer stoffliche Einzelheit[18], deren finaler Sinn? Oder bestimmt sich das Wesen über das Wesentliche der Dinge, eine unverzichtbare Bestimmung der jeweiligen Einzelheit? Ist das Wesen letztlich vielleicht das der traditionellen Philosophie liebe „Ansichsein“ der Dinge?[19] Das „Prinzip“, so Haag, mit dem „… sich sagen ließe, worin das Wesen der Gegenstände exakter Wissenschaft“ besteht? Oder gar all dies auf einmal?

Wie Haag das durchaus realistisch resümiert: „Durch die Geschichte der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart zieht sich ein Problem … das nie gelöst worden ist ... Das Problem der objektiven Möglichkeit von erscheinender Natur, der metaphysischen Grundlage der  Phänomene, die Gegenstand menschlicher Erkenntnis sein können.“[20] Aporien, die auch Haag nicht schlüssig auflösen kann … vielleicht, weil das dem menschlichen Denken ganz prinzipiell nicht möglich ist, Folge der Tatsache, dass der menschliche Neocortex, wie Neurowissenschaftler in jüngerer Zeit entdeckt zu haben glauben, Abstrakta ganz wie Konkreta verarbeiten, die sie nicht sind[21]. Eine Spur, die vielleicht Haag selbst legt, wenn er bei der Diskussion Thomas von Aquins schreibt: „Kenntnis von jenen Wesensformen erlangt menschliches Denken einzig dank ihrer stofflichen Manifestation in wahrnehmbaren Entitäten. Vom sinnlichen Phänomen aus könnte es bis zum Wesen der Dinge vordringen. Sie auf solche Weise völlig zu erkennen aber hindert den menschlichen Verstand die eigene Endlichkeit.“[22] Es ist eine Erkenntnis, die sich besonders klar beim ultimativen, finalen Abstraktum, dem Unendlichen exemplifizieren lässt.

Wenn vom Wesen stofflicher Einzelheiten (Einzeldingen) die Rede ist, drängt sich noch einmal die Frage nach den Naturgesetzen auf, für die – und deren Rationalität – Haag wie gesehen seinen Gottesbeweis und Gottes allmächtige Ratio bemüht hatte. Es ist m. E. der problematischste Punkt der Haagschen Metaphysik, weit schwieriger zu lösen als der hemdsärmelige „Gottesbeweis“.

Natur und Gesetz

Die Natur bzw. ihre Gesetze wären in dieser Haagschen Sicht Frucht eines intentionalen Schöpfungsprozesses, eines (metaphysischen) Willens, wohingegen die von Haag diskutierte nominalistische Position darauf hinausliefe, dass es streng genommen gar keine Naturgesetze gäbe, da den Einzeldingen keine Ratio innewohne, entsprechende Begrifflichkeiten lediglich vom Menschen verteilte Zeichen seien. Im Grunde müsste ja, und da hat Haags Fragestellung ihre Berechtigung, schon der Begriff „Naturgesetz“ anders definiert werden, denn der in der Substanz mechanistisch-kausale Terminus Natur-„Gesetz“ impliziert ja, auch wenn man ihm keine göttliche Intentionalität attribuiert, immer noch ein willkürliches Element. Es ist, wie die Haagsche Version des Allmächtigen, ein Apriori, das zum Start bereits unterstellt, was eigentlich erst Resultat der Überlegungen sein könnte und dürfte.

Allenfalls könnte man, um diese Aporien zu lösen, noch über ein den stofflichen Einzelheiten dieser Welt immanentes, selbstbezogenes Regulativ ihrer verschiedenen Eigenschaften spekulieren. Dann hießen die Naturgesetze nur noch Natur-Regelmäßigkeiten und wir wären, wie die Goetheschen Toren, „so klug als wie zuvor“. Gesetz- in geringerem Maß auch Regelmäßigkeit unterstellt jedes Mal eine gewisse Kausalität, unterstellt die sehr europäisch-abendländische Frage nach dem „Grund“, nach dem „warum“, eine Frage für die außereuropäische Gesellschaften nach meiner Erfahrung nicht selten wenig Verständnis zeigen.

Das Eigenartige ist ja, dass, gleich welche Antwort wir auf die Frage nach dem Grund der Gesetze und Regelmäßigkeiten geben, wir diese Antwort oder Antworten – viele Naturwissenschaftler gehen ja heute davon aus, dass die Makrowelt und die subatomare Mikrowelt der Elementarteilchen unterschiedlichen, wenn nicht gar inkompatiblen Naturgesetzen „gehorchen“ – eigentlich immer nur mithilfe unbewiesener Aprioris geben können. Mensching spricht von „… Naturwissenschaften, die nicht auf bloßer Erfahrung beruhen können, sondern ihre Sicherheit aus der Regularitat ihrer Gegenstande gewinnen. Fur diese Regularitat können sie als Erfahrungswissenschaften aber keinen Grund angeben. Ihr Grund ist vielmehr metaphysisch“ (S. 23). Naturwissenschaften sind nicht mehr als Erfahrungswissenschaften? Dann dreht sich jetzt also wieder die Sonne um die Erdscheibe?

Herausgeber Kern formuliert das in der schon bekannten Manier: „Die Individuen wie die sie umgebende Natur sind transzendenten Ursprungs. Sie sind nicht aus der zufälligen Anordnung von Elementarteilchen hervorgegangen. Die symmetrischen Bausteine des Kosmos und die einander ergänzenden Naturgesetze weisen auf einen universalen Plan der Weltgenese hin, auf ‚ein Ganzes, in dem allein den Teilen eine Funktion zukommen kann.‘ Haag lässt keinen Zweifel: Das Ganze ist ihm die göttliche Vernunft“ (S. 88). Was nichts anderes heißt, als dass wir die Frage nach dem „Warum“ der Naturgesetze, die, Unendlichkeitsfrage – so nenne ich sie – ob unserer eigenen Endlichkeit nicht beantworten können, obwohl wir im Alltag, beim Experiment wie bei der Produktion unserer Güter ständig mit diesen „Gesetzen“ umgehen. Statt dessen erfinden wir einfach spirituelle Antworten. Antworten, wie sie auch Friederun Fein nahelegt: „… Naturgesetze sind partikulare Gesetze und insofern nicht mächtig, ihre eigene Auswahl zu treffen und sich zu einem Ganzen zu organisieren“ (S. 32). Und weil – wir kommen zu der Art „Tricklogik“, die wir bereits eingangs beim Gottesbeweis kennengelernt hatten – eine, so Mensching, „… positive Bestimmung der Natur an sich … nicht möglich (ist), so richtig die Voraussetzung einer an sich seienden inneren Struktur der Dinge ist …, gibt es nach Haag nur einen Ausweg, eine negative Metaphysik …“ (S. 28).

Haag drückt sich „vorsichtshalber“ mit seiner Transzendenzthese vor einer echten (positiven) Beantwortung der erwähnten Unendlichkeitsfrage, da eine solche Beantwortung auf eine Kausalitätsbeziehung verweisen müsste, die wir offenbar schlicht nicht erkennen können. Es ist letztlich eine nur spirituell verbrämte Auswegslosigkeit, die sich durch das gesamte Gedankenwerk Haags und seiner „Follower“ zieht. Etwa dort, wo Herzberg fragt: „Wie verhalten sich die konstituierenden Gründe zueinander und wie zu dem von ihnen konstituierten Gegenstand? Handelt es sich um etwas an sich Seiendes oder bloß um Produkte des Denkens?“ .. „Wenn es sich aber um an sich seiende Prinzipien handelt, wie sind sie uns endlichen Vernunftwesen kognitiv zugänglich?“ Oder wenn Haag selbst einigermaßen apodiktisch postuliert, (keine der) „… Vereinheitlichungen der Natur (sage) … etwas aus über die innere als die konstitutierende Form der empirischen Dinge. Ihre Feststellung erheischt, was naturwissenschaftliches Denken nicht leisten kann: den ‚Schritt ins Metaphysische‘. (Zitat von Max Planck [1858-1947], E. S.) Sein positiver Vollzug würde auf ein Prinzip … führen, dass sich sagen ließe, worin das Wesen der Gegenstände exakter Wissenschaft besteht. Die erscheinende Natur wäre in ihrem Ansichsein erkannt.“[23]

Es ist wahrscheinlich dieses, viele Mühen im zwei- oder dreitausendjährigem Eifer der Philosophie verursachende, hypothetische „Ansichsein“ der Natur und ihrer Phänomene – ein Problem, an dem sich vor Haag zuletzt auch die Phänomenologie die Zähne ausgebissen hat[24] – das auch Haag zu seiner negativen Metaphysik treibt. Ob der Begriff samt seiner Konnotation(en) überhaupt irgendeine weitergehende oder grundlegende Erkenntnisrelevanz besitzt oder – ich erwähnte das bereits – nur philosophieimmanent verständlich ist, bleibt eine ganz andere Frage. Das „Ansich“ ist ja zum Einen wie alle Abstrakta eine rein gedankliche Abstraktionsleistung des menschlichen (eurozentriert-formierten?) Gehirns, denn, was nur „an sich“ und nicht „für uns“ existiert, können wir per Definition gar nicht „begreifen“. Es ist unserer Wahrnehmung nicht zugänglich, sonst wäre es nicht „an sich“, sondern bereits „für uns“, wobei ich betone, dass ich nicht einem drögen Nominalismus das Wort rede, der Abstrakta, abstrakte Begrifflichkeiten nur als den Einzeldingen der Natur voluntaristisch übergestülpte Zeichen definiert. Müßig also, darüber zu spekulieren, wie diese „ansichseienden“ Naturphänomene beschaffen sein sollen, und die vollmundige „Beantwortung“ dieser Frage unter Verweis auf ein metaphysisches Wesen oder einen wie auch immer sich gebenden Gott ist verlorene Liebesmüh‘.

Müßig der mehr als schwache Versuch, den Theo Kobusch unternimmt, dem Zusammenhang zwischen Natur und deren Erkennen durch den Menschen eine ontologische Gegensätzlichkeit zu schneidern: „Worauf nun Haag in diesem Zusammenhang bemerkenswerterweise hinweist, ist, dass auch auf der Begriffsebene diese Verschränkung von Allgemeinheit und Singularitat, von Objektivität und Subjektivität festzustellen ist.“ … „Dieser Begriff ist weder die Sache, die erkannt wird, noch der Intellekt, der selbst erkennt, sondern er ist eine gewisse Ähnlichkeit, die durch den Intellekt von der erkannten Sache erfasst wird“ (S. 73). Naturgesetze haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Natur, die sie verstehbar machen? Und diese Ähnlichkeit existiert, obwohl es sich, wieder laut Kobusch, um gänzlich verschiedene Welten handeln soll? „Es gibt die Welt der vollständigen Dinge wie Mensch oder Stein, daneben die Welt der Vorstellungsdinge wie Träume oder Phantasiegestalten, und dann gibt es noch jene Welt, um die es hier geht, die Welt der Zeit, des Allgemeinen oder der Wahrheit …“ (S. 75).

Müßig ist schließlich auch die Frage, die Herzberg sich mit Haag stellt: „Wie verhalten sich die konstituierenden Gründe zueinander und wie zu dem von ihnen konstituierten Gegenstand? Handelt es sich um etwas an sich Seiendes oder bloß um Produkte des Denkens?“ .. „Wenn es sich aber um an sich seiende Prinzipien handelt, wie sind sie uns endlichen Vernunftwesen kognitiv zugänglich?“ (S. 44). Die Frage, wie auch ihre metaphysische Antwort dienen allenfalls der emotionalen Selbstversicherung „gläubiger“ – nicht nur religiöser“ – Seelen.

Einer der Kardinalfehler der „An-sich“-Kreationisten, besteht m. E. in der Missachtung der Tatsache, dass Begrifflichkeiten wie „Natur“ und ihre Gegenparts „Kultur“, „Gesellschaft“ etc. überhaupt nur im jeweiligen gegenseitigen Bezug, der gegenseitigen Abgrenzung sinnvoll werden, sieht man einmal davon ab, dass der Mensch und damit auch die von ihm geschaffene Kultur letztlich nur Bestandteil dieser „Natur“, besser, dieses Universums, wenn nicht gar dieser Universen oder dieses Metaversums sind, denen theoretische Physik und Kosmologie seit Jahrzehnten nachjagen.

Ein zweiter Haagscher Fehler besteht in der unkritischen und nicht mehr dem Stand der Wissenschaften angemessenen Übernahme veralteter Ansichten über Inhalte und Arbeitsweisen der Naturwissenschaften, die spätestens seit dem Zeitenwandel zwischen Isaac Newton (1643-1727) und Albert Einstein (1879-1955) obsolet sind. Kern schreibt: „Haag geht von der Erfahrung aus, wie sie die Methodik der positiven Wissenschaften liefert. Es ist die auf Experiment und Simulation gegrundete Methodik; aus ihr erwächst die Theorie“ (S. 83). Und gleich darauf: „Ein Naturwissenschaftler separiert ein Objekt, untersucht es dann in seiner Wechselwirkung mit einem anderen Objekt und erkennt so das gesetzmäßige Verhalten der Naturgegenstände. Das im Experiment gefundene Wissen wird dann im Produktionsprozess zu dessen Technologie“ (S. 84). Was angesichts der gesamten zeitgenösischen Geschichte von theoretischer und experimenteller Physik eine gewagte Behauptung ist. Tatsache ist, dass von Einstein bis mindestens Richard Feynman (1918–1988) der Großteil der Entwicklung (Relativitätstheorie, Quantenphysik) zunächst rein theoretisch-mathematisch stattfand und erst nach oft langen Jahrzehnten – während derer die theoretischen Konstrukte aber bereits durchaus als „wahr“ galten und in der Praxis Anwendung fanden – auch im Experiment nachvollzogen werden konnte.

Kern will daraus ableiten, „Physikalisches Wissen und seine technische Anwendung haben Metaphysik zur Voraussetzung“ (S. 83) und fragt: „Wie aber will Haag eine Brücke schlagen von Kants Begriff des Intelligiblen zu einer rationalen Gotteserkenntnis?“ (S. 84). Ja, wie wohl? Denn, wie so oft wird es, sobald die Ausgangshypothese nicht (mehr) stimmt, mit der Beweisführung mehr als schwierig. Das Problem der falschen Ausgangshypothesen stellt sich auch im Zusammenhang mit der Ratio bzw. der Irrationalität von Naturerscheinungen. „Der rationale Aufbau der Natur“, schreibt Kern mit Haag in einer Art erkenntnistheoretischen Rumumschlags, „muss gegeben sein, sonst ist sie wissenschaftlich nicht erforschbar“ (S. 82), und Mensching spricht vom intelligiblen Substrat (S. 26) hinter den Erscheinungen der Natur. Was allerdings die Erkenntnis der modernen Quantenphysik missachtet, dass es beim Atomzerfall keinerlei (bekannte) Möglichkeit gibt, zu prognostizieren, wann welcher Atomkern zerfällt. Rational? Oder doch irrational, dem menschlichen Denken unzugänglich? Einstein, der anfänglich dieser Zufallsthese misstraute – „Gott würfelt nicht!“ – musste seine Zweifel letztlich revidieren.

Ich hatte eingangs den Mangel an kritischer Auseinandersetzung mit Haag im besprochenen Sammelband moniert. Dabei hätte es noch so vieles zu diskutieren gegeben, angefangen von den Positionen im Universalienstreit über die Problematik Kausalität-Korrelation, bis hin zum Fortschrittsbegriff (nicht nur in der Philosophie), der Dynamik von Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit in der materiell-technischen wie der geistig-theoretischen Geschichte und schließlich dem Problem von Abstraktion und (denkbaren) Abstrakta. Was am Ende bleibt? Jede Menge von Haag selbst benannter Probleme, die er anschneidet, bei denen er aber regelmäßig „falsch abbiegt“, wenn Antworten gefragt sind. Gelegenheit verpasst!

 

 

Bibliographische Angaben

Kern, Peter (Hg.), Kritische Theorie als Metaphysik: Karl Heinz Haag – Studien und Kommentare, 2025

 

Leseempfehlungen

Gaßmann, Bodo, Die metaphysischen und ontologischen Grundlagen des menschlichen Denkens, 2012

Haag, Karl Heinz, Der Fortschritt in der Philosophie, 1983 (2005/2018)

Hawkins, Jeff und Richard Dawkins, A Thousand Brains: A New Theory of Intelligence, 2021, 89

Kafitz, Andreas, Die Rationalität des Theismus – Zur Kritischen Theorie als Metaphysik. Karl Heinz Haag, www.glanzundelend.de, 2025

Schulze-Böing, Matthias, Kene Angst vor Metaphysik! www.bruchstuecke.info, 2025

Schweppenhäuser, Gerhard, Metaphysik und kritische Theorie – Postmetahysisches Philosophieren und negative Metaphysik bei Habermas, Haag und Mensching, www.kritiknetz.de, 2022

Supp, Eckhard, Von Sachen und Gedanken - Phänomenologisches für die Ethnologie, https://www.enos-mag.de, 2025

Wallat, Hendrik, Kritische Theorie als Metaphysik? – Kritische Anmerkungen zu Karl Heinz Haag, www.kritiknetz.de, 2025

 

[1] Kern, P. (Hg.), Kritische Theorie als Metaphysik: Karl Heinz Haag – Studien und Kommentare, 2025. Direkte oder indirekte Zitate aus dieser Festschrift sind im Folgenden durch einfache Nennung der entsprechenden Seitenangabe im Text ausgewiesen.

[2] „Innerakademisch auf Wirkung bedacht war er mit seinen Buchern nicht. Haag wollte keine Philosophie fur Spezialisten schreiben“ (S. 7), schreibt Kern. Der erste Teil des Zitats mag stimmen, der zweite muss für viele wie blanker Hohn wirken und ergibt sich keinesfalls, wie unterstellt wird, logisch aus dem ersten. Wer kein Spezialist ist, dürfte mit Haagschen Texten erheblich zu kämpfen haben. Wohl deshalb fasst Matthias Schulze-Böings Rezension im Abschnitt über Günther Menschings Beitrag zusammen, dieser eröffne „den Band mit einer kenntnisreichen Positionsbestimmung … zwischen den Motiven der Kritischen Theorie und einer bis ins Spätmittelalter ausgreifenden immanenten Aufarbeitung zentraler philosophischer Erkenntnisprobleme.“ (Schulze-Böing, Matthias, Kene Angst vor Metaphysik! www.bruchstuecke.info, 2025) Wobei die negative Metaphysik resp. Theologie ja eigentlich noch weiter, bis auf die Neuplatoniker und Kirchvater Augustinus zurückgeht. (vgl. Supp, E., Begrabt mein Herz an der Biegung … der Mosel, www.enos-mag.de, 2024)

[3] Wallat, H., Kritische Theorie als Metaphysik? – Kritische Anmerkungen zu Karl Heinz Haag, www.kritiknetz.de, 2025.

[4] Gaßmann, B., Die metaphysischen und ontologischen Grundlagen des menschlichen Denkens, 2012.

[5] Kafitz, A., Die Rationalität des Theismus – Zur Kritischen Theorie als Metaphysik. Karl Heinz Haag, www.glanzundelend.de, 2025.

[6] vgl. Supp, E., a. a. O.

[7] Wallat, H., a. a. O., 6.

[8] zitiert nach Wallat, H., a. a. O., 8.

[9] a. a. O., 4.

[10] Schweppenhäuser, G., Metaphysik und kritische Theorie – Postmetahysisches Philosophieren und negative Metaphysik bei Habermas, Haag und Mensching, 2022, 2

[11] Wallat, H., a. a. O., 12.

[12] Ich ging auch in meiner fast zeitgleich mit dem „Fortschritt der Philosophie“ entstandenen „Vom Ende der Traumzeit, Australiens Aborigines“ (Bonn, 1985) ausführlich darauf ein.

[13] Schulze-Böing, Keine Angst vor Metaphysik!, www.bruchstuecke.info.

[14] Supp, E., a. a. O.

[15] a. a. O.

[16] Haag. K. H., Der Fortschritt in der Philosophie, 1983, 11.

[17] a. a. o., 34.

[18] a. a. O., 34.

[19] vgl. a. a. O., 9 f.

[20] a. a. O., 9.

[21] vgl. Hawkins, J. und R. Dawkins, A Thousand Brains: A New Theory of Intelligence, 2021, 89

[22] Haag. K. H., a. a. O., 48.

[23] Haag, a. a. O., 9 f.

[24] vgl. Supp, E., Von Sachen und Gedanken, 2025.

1 thought on “Falsch abgebogen – Viel Positives fürs Negative

  1. Antworten
    Eckhard Supp - 6. Januar 2026

    Zu der von mir erwähnten „Unendlichkeitsfrage” („Was nichts anderes heißt, als dass wir die Frage nach dem „Warum“ der Naturgesetze, die Unendlichkeitsfrage – so nenne ich sie – ob unserer eigenen Endlichkeit nicht beantworten können, obwohl wir im Alltag, beim Experiment wie bei der Produktion unserer Güter ständig mit diesen „Gesetzen“ umgehen.“) habe ich nach Fertigstellung des Textes noch prominente Unterstützung gefunden. Die Physikerin Claudia de Rham schreibt in ihrem „The Beauty of Falling – A Life n Pursuit of Gravity” (Princeton, 2024): „… simply show that humans haven’t – yet – evolved to perceive nature through four-dimensional spacetime eyes and ears. Fortunately, our imagination and creativity, combined with a bit of mtathematical skill, can help us „see” beyond our bodily senses.” (S. 40) Und betont dann, dass diese „fleischlosen” Abstrakta trotzdem im Alltagsleben eine unverzichtbare Rolle einnehmen. „… our everyday llife is constantly supported by the helb of satellites in orbit around the Earth.” Etwas später dann: „Yet, far from mere science fiction, ehtese effects are omnipresent in our everyday lives. Indeed, als we spend one day on the surface of the Earth, the Global Positioning System (GPS) sarellites in orbit some 20,000 km or so above our heads feel one day and a tiny, tiny bit less – 38 microseconds (μs) … to be exact. Granted, this is nooct a length of time that humans have sufficient sensitivity to fee. But light does! In 38 μs light propagates over 11 km.” (S. 41) Und das wäre für ein GPS eine wahrlich katastrophale Abweichung.

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